Erst vor kurzem erlebte man Liam Gallagher im Rahmen eines YouTube-Videos beim Sich-Beschweren darüber, dass er sich seinen Tee jetzt selbst machen müsse - wo es doch gerade erst in den 90er Jahren noch einen ganzen Personalstab dafür gegeben hätte. Schuld seien neben dem Internetz vor allem wir selbst mit unserer als Neigung zum illegalen Download manifestierten Geiz-ist-geil-Mentalität. Es würde sich bei uns demnach um "Fuckers" mit drei Rufzeichen handeln. Okay.

Weil man Liam Gallagher vor allem vom Liam-Gallagher-Sein her kennt, könnte man das alles zwar für bare Münze nehmen. Allerdings spielte der heute 45-jährige, ehemals mit Oasis allerweltsbekannte Sänger hier zu offensichtlich mit einer ihm sonst eher nicht eigenen Selbstironie bezüglich seiner Rolle als Rüpel. Diese äußerte sich neben einer gerne gelangweilt-arroganten bis lustlosen Bühnenpräsenz mit fragwürdigen Haltungsnoten nicht nur in mit Fäusten ausgetragenen Argumenten gegen jeden, der in seinem immerwährenden "Eins in die Fresse!"-Gesicht eine offene Herausforderung erkannte.

Steigerungsformel und Hippie-Sitzkreis

Vor allem die alte Steigerungsformel Feind, Todfeind, Parteifreund wäre bei Oasis mit "Bandfreund" am Ende perfekt ins Rock-’n’-Roll-Metier übertragen gewesen - hätte es sich bei Liam Gallaghers internem Hassobjekt aus Fleisch und Blut nicht um seinen als Hauptsongwriter angestellten Bruder Noel gehandelt. Zwischen Handgreiflichkeiten und verbalen Radikalprovokationen waren Oasis bereits von Anbeginn an Unguided Missiles und tickende Zeitbomben. Und gerade dieser Tage muss man auch darüber nachdenken, dass die Gallagher-Brüder als Zweck- und Zwangsbündnis im großkoalitionären Sinn auch ohne externe Beratung Dirty Campaigning gegen sich selbst betrieben. Das war nicht schön anzusehen. Jedenfalls ging dabei, wir kennen das, der Gesprächsstoff nie aus.

Rückblickend grenzt es an ein mittleres Wunder, dass die Arbeitsbeziehung 18 Jahre lang hielt, bevor Noel Gallagher Oasis im Jahr 2009 endgültig verließ. Liam Gallagher machte mit der in Beady Eye umbenannten Restband weiter und veröffentlichte mit dieser zwei Alben, ehe es 2014 zur Trennung kam. Sein Bruder gründete das - wie Beady Eye weit unter der Reichweite von Oasis gebliebene - Projekt Noel Gallagher’s High Flying Birds, das Ende November seinen dritten Streich "Who Built The Moon?" auf den Markt bringen wird. Bereits jetzt legt Liam wiederum mit seinem in mindestens zwei- oder dreifacher Hinsicht überraschenden Debütalbum als Solo-Act vor. Über die (un-)mögliche Genese eines solchen verlautbarte der Sänger im Jänner des Vorjahres zwar, er sei bitteschön keine "cunt". Die Bestätigung des Albums kam wenig später gleichfalls ruppig, aber abermals selbstironisch daher. "It’s official I’m a cunt LG x." Über Twitter als bevorzugte Spielwiese verhaltensauffälliger Egos dann ein andermal mehr.

An den zwölf neuen, nun gebündelt unter dem Titel "As You Were" (Warner) vorliegenden Songs nicht überraschend ist, dass Liam Gallagher einmal mehr zu klassischem 60er-Jahre-Rock mit Beatles-Harmonien zurückkehrt, der Fans als 90er-Jahre-Revival-Remix unter Britpop-Vorzeichen erfreuen sollte. Als dann doch überraschend darf man bezeichnen, dass die mit den Produzenten Andrew Wyatt (Bruno Mars, Charli XCX) und Greg Kurstin (Adele, Foo Fighters) als zur Seite gestellten Co-Songwritern geschriebenen und in Los Angeles und in London aufgenommenen neuen Stücke bei allem Hang zum wohlbekannten Formalismus zu den besten gehören, die es seit der Auflösung von Oasis aus deren Umfeld zu hören gab. Damit, dass sich Liam Gallagher hier teils geläutert und reuig inszeniert, war ohnehin nicht zu rechnen.

Kollektiventschuldigung mit zarter Zupfgitarre

Nach dem mit voller Wucht und Liam Gallagher an der Strom-Mundharmonika der Sorte Mick Jagger auffahrenden "Wall Of Glass" sind es folgerichtig bald die ruhigen Momente, die heute Akzente setzen. Immerhin hört man zwischendurch auch zarte akustische Zupfgitarren in bester Sitzkreismanier mit Tamburin-Hippietum, sofern es bei einem Song namens "Paper Crown" nicht sogar etwas simonandgarfunkelt. Und auch wenn es anderswo zwischen Bottleneck-Blues und räudigen Rockriffs gewohnt lässig zugeht, federn nicht zuletzt soulig-gospelige Zwischentöne die Ergebnisse gefühlsbetont ab.

Liam Gallagher gesteht auf "As You Were", dass er oft etwas frech war, und erstaunt nicht zuletzt mit der Single "For What It’s Worth", die sich als Kollektiventschuldigung an alle richtet, denen er zeit seines bisherigen Lebens wehgetan hat. Einige Songzeilen wiederum tun natürlich dem kritischen Hörer weh. Etwa, wenn Liam Gallagher sich bei "Chinatown" bemüßigt fühlt, beinahe politisch zu werden, oder anderweitige Kommentare zur Welt im Jahr 2017 abzugeben: "Well the cops are taking over / While everyone’s in yoga / ’Cause happiness is still a warm gun / What’s it to be free man? / What’s a European? / Me I just believe in the sun . . ."

Die Standortbestimmung zum Abschluss sorgt mit "I’ve All I Need" für eine friedvolle, im Ton sogar esoterische Note: "Tomorrow never knows / The winds of change must blow / I hibernate and sing / While gathering my wings." Vielleicht aber ist diesen musikalisch vitalen Auswüchsen einer altersmilden Midlife-Crisis doch noch mit einer Schlägerei beizukommen. Hierzu ein Tipp: Erzählen Sie Liam Gallagher demnächst bei einer möglichen Autogrammstunde, dass sein Song "Universal Gleam" wie ein erheblicher Blur-Abklatsch ("Tender"!) klingt.