Trauer - und Bewältigung: die französische Filmschauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg. - © Amy Troost
Trauer - und Bewältigung: die französische Filmschauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg. - © Amy Troost

Ob es das Thema des übermächtigen Vaters noch einmal gebraucht hätte, ist natürlich zu hinterfragen. Papa Serge Gainsbourg mag als ewiges französisches Nationalheiligtum und Musikmonument zwar bis heute kultisch verehrt werden, Tochter Charlotte hat sich mit ihrer eigenen Arbeit aber längst von ihm emanzipiert. Serge Gainsbourgs Beziehung mit seiner Duettpartnerin Jane Birkin ("Je t’aime . . . moi non plus") entstammend, hat sich die in London geborene und in Paris aufgewachsene Schauspielerin nicht zuletzt im Cast des dänischen Regisseurs Lars von Trier ("Antichrist", "Melancholia", "Nymphomaniac") einen Namen gemacht. Als Musikerin, so die heute 46-Jährige hinsichtlich ihres soeben erschienenen neuen Albums "Rest" (Because/Warner), hätte sie sich auch aufgrund der direkten Vergleichbarkeit beispielsweise aber nie auf Französisch zu schreiben getraut - was sich nun ändert.

Zurück ins Totenbett


Ihren musikalischen Werdegang startete Charlotte Gainsbourg im Alter von 13 Jahren mit dem als Provokation zum Thema Inzest angelegten Vater-Tochter-Duett "Lemon Incest" und dem drei Jahre darauf nachgereichten, von Serge Gainsbourg geschriebenen Album "Charlotte For Ever" (1986). Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1991 und dem Ausbau ihrer Filmkarriere begann die eigentliche Laufbahn als Sängerin mit zur Bettschwere neigendem Vortragsstil jedoch so richtig erst 2006. Für "5:55" leistete sich Charlotte Gainsbourg den Radiohead-Produzenten Nigel Godrich und ihre Landsmänner von Air als Songwriter. Die Texte stammten von Jarvis Cocker (Pulp) und Neil Hannon (The Divine Comedy). Das von Pop-Eklektiker Beck verantwortete "Irm" (und sein Fortsatz "Stage Whisper" zwei Jahre darauf) brachte im Jahr 2009 etwas mehr Nachdruck und stilistische Abwechslung - und gute Kritiken über den französischen Tellerrand hinaus.

Danach hatte Charlotte Gainsbourg den Tod ihrer Halbschwester Kate nach einem als Suizid vermuteten Fenstersturz zu verkraften. Sie übersiedelte von Paris nach New York und bezieht sich mit "Rest" nun also schon vom Titel her auf die Totenruhe, meint aber auch das französische "reste!", also den Wunsch nach Fortdauer: "Bleib!"

Mit den elf darauf gereichten neuen Songs setzt es zwar mitunter einen Himmel voller greinender Streicher, introspektives Chanson-Moll und Klavierakkorde mit Trauerflor, während die Sängerin haucht und wispert oder mit zarter Vögleinstimme auch auf Diskant setzen wird. Spätestens mit dem abgebremsten, hübschen Disco-Beat der zweiten Singleauskopplung "Deadly Valentine" aber öffnet sich das Album für neue Einflüsse, die überwiegend auf den aus dem Umfeld des Labels Ed Banger stammenden Produzenten Sebastian Akchoté zurückgehen.

Den grundierenden Loop des als zarter Flüsterpop daherkommenden Titelstücks hat mit Guillaume Emmanuel de Homem-Christo wiederum die eine Hälfte der französischen Disco-Humanoiden Daft Punk spendiert. Etwas Retrofuturismus der Marke Giorgio Moroder rundet das Klangbild mit alten Analogsynthesizern ebenso ab wie ein gewisser Einfluss aus Gruselfilmen, mit denen sich Charlotte Gainsbourg zuletzt offenbar näher beschäftigt hat. Man hört es im durchaus an einschlägige Scores von Horrormeister John Carpenter erinnernden Intro von "Lying With You", bei dem die Sängerin passenderweise zurück zu ihrem Vater ins Totenbett schlüpft.

Mit Paul-McCartney-Song


Ein Höhepunkt ist zweifelsohne die beklemmend-bewegende, letztlich aber reinigende Hommage "Kate" in direkter Ansprache der verstorbenen Halbschwester. Und mit "Songbird In A Cage" gelingt Gainsbourg das Kunststück, einen Song, den Paul McCartney für sie geschrieben hat, exakt nicht nach einem Song von Paul McCartney, sondern nach einem Wave-Punk-Wiedergänger aus den frühen 1980er Jahren klingen zu lassen. Den Abschluss macht bei "Les Oxalis" dann ein Grabbesuch, der nach seinem Bongo-gestützten Discogroove in der Coda den Nachwuchs von Charlotte Gainsbourg am Mikrofon präsentiert - und der Endlichkeit somit das Fortleben gegenüberstellt. Feine Platte!