"Immer die gleiche, heisere Stimme", sagt Charles Aznavour zu seinem Wiener Publikum. Das mag nach Selbstkritik klingen, ist aber Ausdruck eines Triumphs: Ein Kritiker hatte dem jungen Sänger einst vokale Defizite attestiert und darum keine Erfolgsaussichten.

Das war nicht nur grundfalsch, sondern ist mittlerweile eine Ewigkeit her: Aznavour, 1924 in Paris als Sohn armenischer Einwanderer geboren, ist nach dem Zweiten Weltkrieg von Edith Piaf entdeckt worden, danach vom Rest Frankreichs und dank eines Repertoires von insgesamt rund 1000 (darunter etwa 800 selbst geschriebenen, in etlichen Sprachen gesungenen) Chansons schließlich von der ganzen Welt. Beflügelt wurde dieser Erfolg nicht zuletzt dadurch, dass sich Aznavour als Verist der Branche positionierte: Er hat auch die (einst) kontroversiellen Seiten des menschlichen Daseins beleuchtet, etwa das Schicksal eines Transvestiten in "Comme ils disent". Ebenso porträtierte er die schnöden Seiten des Alltags - wie mit jenem Lied, das seinen Ruhm in den deutschsprachigen Ländern befördert hat: "Du lässt dich geh’n" war ein musikalischer Laufpass für eine emotional erkaltete, nur noch schlampig gekleidete und - vor allem - aus dem Leim gegangene Partnerin.

Wer weiß: Vielleicht liegt es ja am (Hyper-)Moralempfinden der Generation Twitter, dass Aznavour diese Abrechnung am Samstag unter den Tisch fallen lässt. Die Nummer fehlt aber nicht wirklich. Der Franzose, der sich lange nach dem Ableben von Arbeitspartnern wie Piaf oder Frank Sinatra immer noch auf Tour befindet und somit als eine Art fliegender Holländer seiner Zunft gelten darf, hat den Verkauf von fast 200 Millionen Tonträgern ja auch etlichen anderen Hits zu verdanken; die knapp zwei Stunden in der Wiener Stadthalle erweisen sich dann als behagliches Wiedersehen mit diesen alten Bekannten.

Ungebrochene Ausdruckskraft

Wobei man auch sagen muss: Es ist schon ein wenig betrüblich, dass Aznavour live die erprobte Patina eines Streicherchors durch das "Strings"-Programm eines Synthesizers ersetzt und seine siebenköpfige Band überhaupt eher glatte Arrangements abwickeln lässt. Und natürlich muss man auch sagen, dass die Stimme des umjubelten Charmeurs ihr Geburtsdatum nicht ganz verhehlen kann.

Dennoch: Der Mann, der sich lieber "betagt" als alt nennt, ist unter den 93-Jährigen der wohl beste Sänger der Welt. Und auch wenn er seiner Lebensreife mittlerweile mit drei Telepromptern und einem Sessel Tribut zollt, nimmt er diese doch nur selten in Anspruch und gestikuliert stattdessen lieber lebhaft (etwa in "La bohème") oder tanzt ein paar Trippelschritte (wie beim mitreißenden Rausschmeißer "Emmenez-moi").

Und dazwischen fährt er immer noch seine ganze Inbrunst auf. Ob beim Welthit "She", der rührenden "La mamma" oder der bitteren Lebensweisheit "Il faut savoir": Aznavour berückt bis heute mit einer Mitteilungskraft, die zwischen Pathos und Plauderton, Hymnus und Hintersinn changiert. Zugaben gibt es wie gewohnt keine; die Standing Ovations sind dennoch würdig und recht.