Würde man Jazzpianisten nicht nach Können, sondern Körpereinsatz sortieren, wer weiß: Vielleicht stünde am einen Ende der Skala Jamie Cullum. Das Energiebündel aus England, 38, bespringt noch heute gern die Klavierdeckel dieser Welt. Am anderen Ende wäre womöglich Kenny Barron anzusiedeln, am Dienstag solo im Mozartsaal des Konzerthauses zu sehen. Der Amerikaner aus Philadelphia, demnächst 75, versieht seinen Tastendienst als in sich ruhende Masse, er greift zwischen den Stücken nur kurz zum Mikrofon: Im Tonfall eines freundlichen, doch bündigen Moderators nennt er Name, Urheber und ab und zu eine kleine Anekdote zur nächsten Nummer: Bitte, danke, weiter. Wer Spektakel will, der gehe in den Zirkus.

Freunde der Jazzballade waren dagegen goldrichtig, denn Barron glänzt in diesem Fach wie kaum einer. Das liegt nicht nur an seiner Verankerung in der Tradition: Barron gestaltet geräumige Akkorde mit dem Geschick eines Bildhauers. Ein Medley aus Genrestücken von Duke Ellington und Billy Strayhorn kommt da genau recht, auch "The Very Thought Of You": Die Arpeggi, die sich hier anfangs auffächern, die Alterationen in den dichten Schichten erwecken Totgespieltes zu neuem Leben. Und weil Barron seine Notenpakete bald verfrüht, bald leicht "laid back" absetzt, entsteht ein organischer Fluss. Freilich: Der Ex-Mitarbeiter von Dizzy Gillespie versteht sich noch heute auf Bebop, und er weist dies immer wieder mit (etwas verwischten) Zickzackläufen nach. Das Schlusswort hat aber wieder eine Ballade, aus eigener Feder für Abdullah Ibrahim: wohlgesetzt, würdig und dosiert schmalzig wie die perfekte Festtagsrede.