Wer den Song Contest ungefähr so sehr verachtet wie Literaturkenner das Werk von Paulo Coelho, wird bei der Eröffnung des heurigen Finales gestutzt haben. Immerhin hörte man da aus Lissabon nicht den üblichen Eurotrash. Vor dem Sängerkrieg der Paradiesvögel durfte der portugiesische Gesangsstar Mariza den sehnsuchtsprallen, herzblutigen, authentischen Tonfall des Fado beschwören.

Gewohnt klangmächtig: Mariza sang in Wien. - © Joao Portugal
Gewohnt klangmächtig: Mariza sang in Wien. - © Joao Portugal

Nun ist Mariza zwar ein Aushängeschild dieses nationalen Kulturguts, aber beileibe keine Puristin. In 20 Karrierejahren suchte sie immer wieder auch ein Nahverhältnis zum Pop und fand es etwa in dem pfiffigen Hit "Rosa Branca". Ein Mix aus Fado-Klassikern, bezwingend interpretiert von Marizas Jahrhundertstimme, und portugiesisch getönter Weltmusik ist ihre Trademark.

Auf ihrer kommenden CD geht die 44-Jährige allerdings noch ein Stück weiter in Richtung Konsens-Klang – und leider: zu weit. Ihr Album "Mariza", ab 25. Mai bei Warner, tischt vor allem Wohlfühlsongs auf. Und manche davon sind so beliebig komponiert, dass man darob fast doch ein wenig an die Liedbeiträge bei der Eurovision denken könnte.

Am Donnerstag trat Mariza nun im Konzerthaus auf, und ihr neues Material sorgte streckenweise für erhebliche Längen. Flankiert von der typischen Fadobesetzung (drei Gitarristen), einem Akkordeonisten und einem unterbeschäftigten Drummer erklangen in dem Novitäten-Block unter anderem ein potenzieller Tourismus-Werbespot-Hit ("Trigueirinha") sowie Allerweltsballaden ("Quem me dera").

Aber auch das ging vorbei, und Marizas Ekstase-Stimme – rauchig in der Höhe, rabenschwarz in der Tiefe und kehlig in den Arabesken – erblühte auf dem Boden des Fado gewohnt mächtig. Der Abend, schon begonnen mit Traditionellem ("Fado Lopes"), fand in "Primavera" einen späten Höhepunkt: Gleichermaßen betäubt und angestachelt von Wehmut, entstieß sich die Tragödin in der Göttertoga einen Schrei, der einen Steinbruch hätte erweichen können. Zuletzt aber auch Gelächter, gemeinsames Singen, Umarmungen und Küsse für die Fans, die ewige "Rosa Branca" – und entsprechende Blumengaben von den Verehrern