Wäre es nach Carey Mercer gegangen, hießen Swan Lake heute Thunder Clouds. Mercer hatte zwar "Den König der Löwen" nicht gesehen, aber ihm gefiel ein T-Shirt, auf dem dieses Raubtier auf einer Wolke thronte. Irgendwie schien ihm das zur Musik des Trios aus Vancouver zu passen. Spencer Krug hatte keine Einwände, doch Dan Bejar taufte schließlich doch lieber auf Schwanensee um.

Filigran & hymnenhaft

Wer angesichts von Swan Lake nun harmonische Klangteppiche à la Tschaikowsky erwartet, wird nach wenigen Takten schwer enttäuscht sein. Bereits im ersten Song des neuen Albums "Enemy Mine", "Spanish Gold, 2044", wird jede Hoffnung auf eine gütliche Versöhnung zunichtegemacht. Filigranes Gitarrenspiel steht neben hymnenhafter Stimmung. Liedermachergestus, unterfüttert von theatralischer Inszenierung, wechselt mit irrwitzigen Klangkaskaden und Mercers falsettartigem, eruptivem Gesang - als ginge es darum, der Menschheit eine letzte Botschaft zu verkünden: "Oh we are nothing: but what our words leave behind are worth the raiment of the SUN."

Nicht erst seitdem Arcade Fire und Malajube weltweit Erfolge feiern, ist Kanada eines jener Länder, die derzeit die außergewöhnlichsten und interessantesten musikalischen Blüten hervorbringen.

Bejar gründete 1995 die Band Destroyer und schloss sich 1997 den New Pornographers an. Krug machte sich seit 2003 als Wolf Parade und zwei Jahre später als Sunset Rubdown einen Namen - mit deren Musik er jüngst auch das Donaufestival in Krems beglückte. Zuvor spielte er bereits in Carey Mercers erster Band Blue Pine, die sich jedoch nach zwei Platten wieder auflöste. 2002 gründete Mercer die Nachfolgeband Frog Eyes, der auch Krug die erste Zeit angehörte. Ein Kontakt zu Bejar ergab sich durch gemeinsame Konzerte und durch die Aufnahme der Destroyer-EP "Notorious Lightning & Other Works" im Jahre 2005.

Schnell kamen Krug, Bejar und Mercer überein, ein Singer/Songwriter-Projekt ins Leben zu rufen. Swan Lake war geboren. 2006 erschien ihr Debüt "Beast Moans" bei dem Label Jagjaguwar. Mit "Enemy Mine" legten sie vor wenigen Wochen ihr zweites Album vor, benannt nach dem 1985 produzierten Science Fiction-Film von Wolfgang Petersen. In dem Film geht es um die Begegnung zwischen unterschiedlichen Spezies und darum, die fremde Sprache des anderen zu erlernen.

Für Swan Lake ist das Überschreiten der Grenzen symptomatisch. Teilen Mercer und Krug zwar dieselben musikalischen Einflüsse, die von Nick Cave bis zu Pulp reichen, so haben sie sich in ihren verschiedenen Bandprojekten auseinander musiziert. Bei Frog Eyes dominiert eine verhaltene Paranoia, die jederzeit in Amok umschlagen könnte, derweil Sunset Rubdown viel mehr dem Glam Rock verpflichtet bleibt. Gemeinsam ist ihnen jedoch ihre Liebe zum Art Rock und zu einer fragmentarischen Songstruktur. Auch wenn Bejar seinen Stil "europäischen Blues" nennt, so erinnert seine Musik viel eher an Neo-Folk. Seine Kompositionen sind bei weitem nicht so wahnhaft und psychotisch wie diejenigen von Krug oder Mercer. Am meisten jedoch ließen sich alle drei vom Schaffen David Bowies beeinflussen.

Kanada geizt nicht mit außergewöhnlichen Bands: Swan Lake gehören dazu. Foto: Jody Rogac/Jagjaguwar
Kanada geizt nicht mit außergewöhnlichen Bands: Swan Lake gehören dazu. Foto: Jody Rogac/Jagjaguwar

Mit "Enemy Mine" ist Swan Lake ein äußerst abwechslungsreiches Album gelungen, das keineswegs so klingt, als sei es aus einem Guss. Zu unterschiedlich sind die Attitüden der gleichberechtigten Protagonisten. Von Song zu Song wird das Mikro herumgereicht: Bejar stimmt eine "Ballad of Swan Lake" an, die in einer Art Kanon mündet, in welchem die musikalischen Gegensätze vereint scheinen und der Außerirdische mit dem Menschen tanzen darf.

Hit-Verweigerung

Krug zeigt mit "A Hand At Dusk", wie eine moderne Hymne klingen könnte, wenn man sie nicht vorher enden ließe. Doch diese zerbrechliche Harmonie wird von Mercers Misanthropie in "Peace" oder "Warlock Psychologist" wieder gebrochen. Konsequent weigern sich Swan Lake bei ihrem furiosen Entfalten der Töne, Klänge und Rhythmen jedoch, auch nur einen einzigen Hit zu produzieren. Nach neun nicht gerade langen Stücken will sich das Album nicht einfach einordnen lassen, zu facettenreich sind die einzelnen Lieder, zu unausgewogen ist auch die musikalische Intensität. Und so wird der Titel der CD zu einer Aufforderung an den Hörer, die befremdliche Sprache verstehen zu lernen: mein lieber Feind.

Swan Lake: Enemy Mine. (Jagjaguwar / Cargo)