Vor weniger als zehn Jahren ist diese Band noch in der "Szene Wien" aufgetreten. Just ihr damals aktuelles, beim Indie-Label Barsuk veröffentlichtes Album "Transatlanticism" hat, eine halbe Million Mal verkauft, die Geschicke von Death Cab For Cutie drastisch verändert. Seither sind sie abonniert auf hohe Notierungen in den US-Charts: 2008 debütierte ihr Album "Narrow Stairs" dort auf Platz 1. Die neue, insgesamt achte Platte, "Codes And Keys", schaffte es demgegenüber zum Einstieg "nur" auf Rang 3. Dafür könnte sie ein ähnlicher Longseller werden wie DCC’s platinveredeltes Major-Debüt "Plans" von 2005.

"Codes And Keys" ist nämlich, um einen schwer inflationären Ausdruck einmal zu Recht zu verwenden, von vorbildhafter Nachhaltigkeit: Abnützungsresistent trotz unverschämt eingängiger Songs, offenbart sie noch beim x-ten Wiederhören unentdeckte interessante Facetten und evoziert eine Vielfalt an Stimmungen. Dazu kommen Zeilen mit Anspruch auf Verewigung in einer noch zu schreibenden Goldenen Anthologie der besten Pop-Texte aller Zeiten : "If you feel just like a tourist in the city you were born then it’s time to go / and define your destination: there’s so many different places to call home / ’Cause when you find yourself the villain in the story you have written then it’s plain to see / That sometimes the best intentions are in need of redemption".

Kreatives Zentrum von Death Cab For Cutie ist Sänger, Gitarrist, Komponist und Texter Ben Gibbard. Ursprünglich war die Gruppe, deren Name auf einen Song der satirischen Bonzo Dog Doo-Dah Band zurückgeht, nur ein Vehikel, die Musik, die der übergewichtige, ein wenig nerdige Gibbard in der stillen Klause ausbrütete, live umzusetzen. Über die Jahre hinweg - ziemlich synchron mit dem Anstieg ihres Erfolgspegels - ist sie zu einem eigendynamischen Organismus mit distinguierter musikalischer Identität gewachsen.

"Wir alle tragen zur Musik bei", erklärte Lead-Gitarrist Chris Walla, der als Produzent den zwischen Pop, Rock und einem leicht psychedelisch angehauchten Folk vazierenden DCC-Sound zu erheblichen Teilen mitverantwortet, 2006 der "Wiener Zeitung". "Ben kommt mit den Melodien und Texten. Aber immer wieder fehlt da irgendein Teil, den wir ergänzen. Oder jemand kommt mit einem Arrangement, das den Charakter eines Songs prägt."

"Codes And Keys" ist, zumal im Kontrast zum fallhöhenreichen Vorgänger "Narrow Stairs", eine recht ausgewogene Platte geworden. Die Gitarren, die bisher das Klangbild dynamisch fokussierten, sind - auch wenn ein gewaltiges, nachgerade überlebensgroßes Riff "You Are A Tourist" trägt - hier etwas zurückgefahren. Rhythmische E-Pianos machen Tempo, weit ausholende, majestätisch dahingleitende Streicher lassen Höhenluft einfließen und elektronische Klangerzeuger brechen die wunderschönen Melodien durch reizvolle kleine Verfremdungungseffekte, wie das Gibbard schon bei seinem - leider nur mehr sporadisch aktiven - Neben-Projekt "The Postal Service" vorexerziert hat.

Bei all seiner Versatilität und Ausgewogenenheit ist "Codes & Keys" eine kraftvolle, konzentrierte, kompakte Platte, die es sich leistet, Stücke raumgreifend auszuspielen. "Doors Unlocked And Open" und Monday Morning" bauen in ihrer insistenten Schnelligkeit eine hypnotische Aura auf, während "Unobstructed Views" oder "Some Boys" mit Tempoverschleppungen eine latent ungemütliche Atmosphäre herstellen. Die Wahl der musikalischen Mittel korrespondiert mit dem Inhalt der Texte.

Praktisch alle Songs auf "Codes And Keys" transportieren über Gibbards melancholisch-sonore Stimme Geschichten von Entfremdung und Irritation: Schlagwortartig wie in "Doors Unlocked And Open", als sarkastisches Lamento wie im schon erwähnten "You Are A Tourist"; als Erzählung wie in "Monday Morning", in dem wohl die Ehe Ben Gibbards mit der Schauspielerin und Sängerin Zooey Deschanel reflektiert wird.

Seit 2009 sind die beiden verheiratet; aber schon ein Jahr davor hat der einstmals recht trinkfreudige Gibbard dem Alkohol abgeschworen und überschüssige Pfunde auf den Laufstrecken gelassen, die er seither regelmäßig frequentiert.

Death Cab For Cutie: Codes And Keys. (Atlantic Rec.)