Wer es mit Sam Beam, Bonnie "Prince" Billy, dem Nick-Cave-Kumpanen Warren Ellis oder Osama bin Laden aufnehmen kann, zeichnet sich vermutlich durch Haarreichtum in der Gesichtsregion aus. Nicht nur in dieser Hinsicht wird man sich einen neuen Namen merken müssen: Josh T. Pearson ist der Bart der Stunde.

Nach einer kurzen Karriere mit seiner Band Lift To Experience , die sich nach der Veröffentlichung ihres Doppelalbums "The Texas-Jerusalem Crossroads" und trotz prominenter Unterstützung vonseiten der britischen Radio-Koryphäe John Peel schnell wieder auflösen sollte, hat man von dem Mann fast nichts mehr gehört. In den zehn Jahren, die seither vergangen sind, tauchte Pearson lediglich als Gastsänger auf dem Debütalbum von Bat For Lashes auf ("Fur And Gold", 2006) und spielte eine Neuinterpretation des Hank-Williams-Haderns "I´m So Lonesome I Could Cry" ein - nachzuhören auf der Myspace-Seite des Künstlers.

Geboren als Sohn eines stramm konservativen Predigers, dessen zunehmend wahngleicher Glaube die Familie später zerreißen sollte, stellte Pearson die Weichen auf Rückzug. Er hielt sich in einer texanischen Kleinstadt mit Gelegenheitsjobs über Wasser, ohne aber aufzuhören, weiter Musik zu schreiben - vorerst nur für sich selbst.

Bei den nicht gerade bescheiden "Last Of The Country Gentlemen" überschriebenen Songs seines späten Debütalbums, das der heute in Paris ansässige Musiker in nur zwei Nächten in Berlin einspielte, hat man es also auch mit Manifesten der Entfremdung zu tun. Pearson selbst spricht davon, ein sehr hartes Lebensjahr vertont zu haben. Unter besonderer Berücksichtung von Phrasen wie "messsed up" und "troubled mind" darf dem Material auch eine gewisse Weinerlichkeit unterstellt werden. Letztlich erweisen sich die zwischen schwerer Depression und melancholischer Verstimmung changierenden Lieder aber als Perlen aus der Meisterklasse. Der Mann, der sich selbst ambitionslos wähnt, hat doch eine Mission zu erfüllen.

Spartanisch instrumentiert, heult Pearson in bis zu 13-minütigen Stücken wie "Sweetheart I Ain´t Your Christ" oder "Woman, When I´ve Raised Hell" traurig den Mond an. Er trägt sein Herz auf der Zunge und singt überwiegend allein zur akustischen Gitarre über: Liebe ist kälter als der Tod, das Leben ist ein Irrweg - und der Alkohol macht alles noch schlimmer. Herzen brechen, Tränen kullern.

Zwischendurch zaubern Streicher Elegien in den Wind. Der Chor, der bei "Drive Her Out" einfällt, lässt an die Bad Seeds nach einer viertägigen Zechtour denken.

"Thou Art Loosed" hingegen klingt beinahe sakral - mit sanftem Diskantgesang führt Pearson in das reichhaltige Zitatangebot seiner Texte ein: "Don´t cry for me / cause I´m off to save the world", bekennt Pearson, dessen bisweilen mit christlicher Metaphorik versehene Lieder gerne vier, fünf mal enden - und dann doch nicht verstummen.

Das ist innig, betörend schön - und ganz schön anstrengend: Schon jetzt ein Album des Jahres!

Josh T. Pearson: Last Of The Country Gentlemen. (Mute)