Die künstlerisch stets originäre wie originelle PJ Harvey: "Let England Shake" reiht sich in die besten Alben der Sängerin ein.Foto: Universal
Die künstlerisch stets originäre wie originelle PJ Harvey: "Let England Shake" reiht sich in die besten Alben der Sängerin ein.Foto: Universal

Als Frohnatur ist PJ Harvey zeit ihrer Karriere noch nicht in Erscheinung getreten. Seit die am 9. Oktober 1969 in der südwestenglischen Grafschaft Somerset geborene Sängerin in den frühen 1990er Jahren erstmals vorstellig wurde, konzentriert sich ihr uvre vor allem auf die Vermessung schattseitiger Seelenlandschaften und deren mannigfaltiger Regionen. Mit Nabelschauen des Inneren hat es die Sängerin weder sich selbst noch ihrem Publikum leicht gemacht, ging es doch darum, den Schmerz nicht nur zu vertonen, sondern ihm solchermaßen ein Forum zu geben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Musikalisch ging es PJ Harvey dabei facettenreicher an, als es ihr mancher Kritiker zugestehen mag - auch wenn sich ihr schon immer vom Plattitüdenverdacht befreites Credo, sich nicht wiederholen zu wollen, erst im sogenannten Spätwerk vollends manifestierte. Während es Harvey auf frühen Arbeiten wie "Dry" oder dem von Steve Albini produzierten "Rid Of Me" zunächst spartanisch instrumentiert angehen ließ, um den auf Grunge gestellten Zeitgeist mit bluesinfiziertem Punk-Gestus aufzuladen, demonstrierte sie mit "To Bring You My Love" schon im Jahr 1995 auf einem wesentlich ausproduzierteren Album, dass man das zart-elegische Albtraumfach auch in die Charts bringen kann.

Solchermaßen in der Öffentlichkeit angekommen, gelang Harvey fünf Jahre später mit dem etwas zuversichtlicheren "Stories From The City, Stories From The Sea" und Hit-Singles wie "A Place Called Home", "Good Fortune" oder "This Is Love" der endgültige Durchbruch. Mit für ihre Verhältnisse ungewohnt polierten Songs kehrte sie aus einer Phase zurück, die auch von ihrer Liaison mit dem australischen Barden Nick Cave geprägt war. Cave wiederum wechselte endgültig vom mythologisch umrahmten Endzeit-Rock-´n´-Roll ins stille Balladenfach.

Unheimlich poetisch

Vom Erfolg unbeeindruckt, ließ sich Harvey aber nicht auf eine zwecks Kapitalakkumulation vielversprechende Ehe mit dem Mainstream ein - im Gegenteil. Ihr Schaffen seither ist, bewusst oder unbewusst, von einer Verweigerungshaltung geprägt, die man vor diesem Hintergrund als durchaus erstaunlich bezeichnen darf. Nachdem Polly Jean den Dienst an der Gitarre kurzzeitig quittierte, um sich für den ätherisch-somnambulen Insel-Folk von "White Chalk" 2007 am Klavier auszudrücken, legte sie es auf dem gemeinsam mit ihrem künstlerischen Seelenverwandten John Parish veröffentlichten "A Woman A Man Walked By" zuletzt widerspenstiger an denn je.