Etwas spät wachgerüttelt durch das britische Militärengagement in Afghanistan, überführte Harvey ihr Interesse an der Tagespolitik nun erstmals auch in ihre Kunst. Mit "Let England Shake" zeugt aktuell eines ihrer besten Alben davon. Als Augangspunkt der gemeinsam mit alten Weggefährten wie dem wunderbaren, ehemals bei Nick Cave angestellten Multi-Instrumentalisten Mick Harvey (mit dem Polly Jean übrigens nicht verwandt ist), der Produzentenkoryphäe Flood und besagtem John Parish im britischen Dorset teilweise live eingespielten Arbeit dienten Harvey Überlegungen zu ihrer Heimat und deren kriegerischer Vergangenheit wie Gegenwart. Wie die Songwriterin in Interviews nicht müde wird zu betonen, wollte sie diese nicht in Form von parolenhaften Protestsongs mit Hang zum erhobenen Zeigefinger kanalisieren, sondern überwiegend aus Sicht der Opfer über die Auswirkungen von Gewalt erzählen.

Das gelingt Harvey auf eine so unheimliche wie poetische Weise, die Befürchtungen bezüglich eines Bono-Voxismus erst gar nicht aufkommen lassen. Stolz erzählt die Sängerin derzeit auch darüber, in derselben BBC-Sendung aufgetreten zu sein wie Großbritanniens Ex-Premier Gordon Brown. Während dieser den Afghanistan-Einsatz seines Landes verteidigte, beendete Harvey die Show mit einer Darbietung von "Let England Shake", die nicht zuletzt als Abgesang auf die Politik Browns gelesen werden kann. "The West´s asleep. Let England shake. Weighted down with silent dead. I fear our blood won't rise again." Und: "England´s dancing days are done! "

Die Bilder, die PJ Harvey nun mit ihren Texten zeichnet, künden von Aussichtslosigkeit und Verzweiflung. Wie auch Songtitel wie "Hanging In The Wire", "On Battleship Hill" oder "In The Dark Places" verraten, ist der Tod dabei allgegenwärtig: "I have seen and done things I want to forget; soldiers fell like lumps of meat, blown and shot out beyond belief. Arms and legs were in the trees" , gibt Harvey aus der Sicht eines Soldaten zu Protokoll. Historisch geht sie dabei bis zum Ersten Weltkrieg und der Schlacht von Gallipoli zurück, die als eine der blutigsten nicht nur ihrer Zeit in die Geschichte einging.

Das Klangbild des Albums wird von hallverhangenen Gitarren ebenso bestimmt wie von Harveys Vorliebe für Autoharp und Zither. Das überwiegend mit dem Beserl gestrichene Schlagzeug hagelt bei "Bitter Branches" wie Munition auf die Hörer ein, dazwischen werden Klavier und Fender Rhodes aufgetragen. Vor allem aber die Bläser - Harvey selbst steuert ein Saxofon bei - spielen eine tragende Rolle. Nicht von ungefähr blasen bei "The Glorious Land" Waldhörner gleichermaßen zur Schlacht wie zum Jüngsten Gericht.

Obwohl oder gerade weil das Album eher als Einheit denn über einzelne Songs funktioniert, sind die "Hits" schnell ausgemacht: "The Words That Maketh Murder" glänzt mit Lumpen-Rock vom Zuschnitt der Bad Seeds, während Harvey bei "The Last Living Rose" zärtlich-poetisch klingt und bei "Written On The Forehead" mit einem Sample des jamaikanischen Reggae-Meisters Winston Holness alias Niney the Observer in ihrem Werkkatalog künstlerisches Neuland erobert.

Das alles lässt nach knapp vierzig Minuten den Schluss zu, nichts weniger gehört zu haben als ein Zeugnis davon, was PJ Harvey in ihren besten Momenten schon immer war: sowohl originär als auch kompromisslos. Dankeschön!

PJ Harvey: Let England Shake (Universal)