Dieser Platte sind so viele Vorschusslorbeeren vorausgeeilt, dass sich reflexartig Misstrauen einstellt. Umso größer das Befremden, dass sie mit Pop im landläufigen Sinn wenig zu tun hat: Da mäandert eine Stimme durch die Gegend, verliert sich in repetitivem Gestammel, während es im Hintergrund knistert, klickt, grammelt, zischt, schleift, schwirrt - oder für Sekunden Stille herrscht.

James Blakes unbetitelter, hermetisch in sich geschlossener erster Longplayer ist eine Platte, die verblüfft - und befremdet. Sie weckt allerdings auch Neugier - und das ist möglicherweise das Beste, was sich über Musik sagen lässt. (Sucht hätte demgegenüber zu viel mit Gewohnheit zu tun.)

"Klavierwerke" hieß die letzte der drei EPs, die Blake vor seinem LP-Debüt veröffentlicht hat. Die forcierte Assoziation zu klassischer Musik war gleichermaßen Fingerzeig wie irreführend: Der bald 23-jährige Sänger, Komponist und Keyboarder hat tatsächlich eine klassische Klavierausbildung und das Piano als Hauptinstrument, seine musikalische Sozialisation erfolgte aber hauptsächlich über Dubstep, eine von tiefen Bässen, viel Echo-Hall und (meist) vertrackter Rhythmik geprägte Synthese aus fast allen elektronischen Stilen der letzten eineinhalb Jahrzehnte. Der deutsche Titel war eine Hommage an den Berliner Club "Berghain", der sich des Dubstep seit langem pfleglich angenommen hat.

Auf dem nunmehrigen Album trägt das Klavier besonders die beiden vergleichsweise normalverbraucherfreundlichsten Songs, die Ballade "Give Me My Month". und eine tolle Cover-Version von Feists "Limit To Your Love".

Dies sind gewissermaßen kleine Oasen der Ruhe in einem rundherum vibrierenden Universum, in dem Stücke kein Zentrum zu haben scheinen und alles Verfremdung ist: Blakes gleichermaßen sonore wie spröde Stimme wird verhallt, verwischt, vervielfältigt, hochgezogen; Loops wirbeln im Kreis herum, Störgeräusche wie von hängenden Plattenspieler-Nadeln mischen sich in Melodien, Keyboards brausen unververhältnismäßig heftig auf und verschwinden abrupt.

Natürlich lassen sich für diese Musik punktuell Vorgänger ausmachen: Ein ähnliches Soundverständnis beflügelte Thom Yorke´s exzellentes, vergleichsweise songbetonteres Solo-Album "Eraser".

Der minimalistische Charakter, die "Luftdurchlässigkeit" des Sounds und Texte, die mit wenigen Worten, manchmal nur mit einem einzigen Satz auskommen, wecken Erinnerungen an den großen Arthur Russell. Während jedoch Russell solche Sätze meist nur als Mantras oder auch belebende Slogans hinwarf, zeitigen sie bei Blake einen eher verstörenden Effekt: Ohne weitere Erklärung (außer möglicherweise im Titel: "I Never Learned To Share") vermitteln die Worte "My brother and my sister don´t speak to me, but I don´t blame them" außer allenfalls einem Schuss Galgenhumor nichts als Misere.

Stücke wie "Unluck" oder "Why Don´t You Call Me" tun ein Übriges, zu verhindern, sich James Blake als Frohnatur vorzustellen.

James Blake (Atlas/Universal)