Die Kunst dieses Mannes setzt bevorzugt dort an, wo die Sonne wieder einmal unter- und uns Menschen das Herz aufgeht. Aus der Dämmerung heraus entstehen im Grunde zwei mögliche Szenarien: In den Bars und Kaschemmen weinen einsame Männer traurig ins Bier. Oder aber es finden zwei verlorene Seelen zueinander, um der Kälte der Welt gemeinsam eins auszuwischen.

Vor allem in der letztgenannten Disziplin erreicht der aus Graz stammende Singer-Songwriter Georg Altziebler, der unter seinem Alias Son Of The Velvet Rat live ein gleichnamiges Bandprojekt führt, aktuell einen Höhepunkt. Sein "Lovesong #9" - die Wahrheit, gelassen ausgesprochen - ist im Moment nichts weniger als das beste Liebeslied aller Zeiten. Während im Hintergrund die akustische Gitarre sanft angeschlagen oder gezupft wird, Orgel und Glockenspiel auf die Tränendrüse drücken und sich der Background-Chor hörbar vom Gospel ergriffen zeigt, sinniert Altziebler mit seiner markanten, selten um die nötige Dosis Vibrato verlegenen Erzählstimme über zwei Herzen im Dreivierteltakt: "Two glasses, one ashtray, a bed and a soft yellow light / You don’t say a thing so I don’t have to reply / And we both hate the darkness as much as we love the night / There must be right in the wrong if there’s wrong in the right." Der Rest seines heute, Freitag, erscheinenden Albums "Red Chamber Music" (Monkey) steht dem in seiner herzerwärmenden Wirkung aber auch um nichts nach.

Aus einem roten Keller

Musikalisch setzt Altziebler nach dem klavierbetont auch in Richtung Chanson schielenden Vorgängerwerk "Animals" auf seinem insgesamt sechsten Streich wieder verstärkt auf überwiegend akustisch instrumentierte Americana-Deutungen. Neben im mittleren Tempobereich angesiedelten Country-Walzern und Folkballaden mit Mundharmonika, Beserl-Drums, Akkordeon und im Hintergrund jaulender Slide-Gitarre, entführt das von Mariachi-Bläsern befeuerte "The Vampire Song" zudem ins mexikanische Grenzland, wo es über die Beigabe des einen oder anderen Tequila-Shots auch gleich deutlich beschwingter zugeht.

Nach zwei mit Ex-Wilco-Drummer Ken Coomer in Nashville aufgenommenen Alben hat man es bei "Red Chamber Music" nun mit der ersten von Altziebler allein produzierten Arbeit zu tun. Eingespielt in einem rot ausgemalten Altbaukeller in Graz und mit zusätzlichen Aufnahmen in New York, Los Angeles und eben der Country-Metropole in Tennessee, wo sich Coomer diesmal mit dezenten Drums in nobler Zurückhaltung übte, wollen dem 51-Jährigen auch auf den zehn neuen und ohne Bruch, sprich angenehm homogen produzierten Songs die Ideen nicht ausgehen.

Zu langjährigen Mitstreitern wie seiner Partnerin Heike Binder, die den Liedern mit ihrem Backgroundgesang ein weiteres Mehr an Wärme einhaucht, sorgen mit der im US-Country-Rock beheimateten Sängerin Lucinda Williams sowie dem New Yorker Songwriter Richard McGraw zwei neue Gaststimmen für frisches Blut. Das mit McGraw begnadet windschief im Sinne eines jenseits der Sperrstunde nach Hause torkelnden Tom Waits intonierte, also abgelebt angesungene "Little Flower" erweist sich dabei als besonders gewinnbringend - und würde auf keiner Platte von Bonnie "Prince" Billy negativ auffallen.

Die Angst im Handschuh


Während der Bass dabei den Grubenblues hat, geht es inhaltlich doch nie so negativ zu, wie manch einer vermuten möchte. Zwar ist die Hoffnung bei Son Of The Velvet Rat immer ein gefährdetes Gut, das es zu behüten gilt ("It’s not a plaything / It breaks like glass") - wie Altziebler mit der Selbstermächtigungshymne "Feed Your Dream" aber bekennt, lohnt es sich immer, sich doch nicht unterkriegen zu lassen. Der Kampfruf lautet: "Your fears fit like a glove / You badly need to lose / And all that’s dear to you / Blow it off / To make your dream come true." Groß!