Hat eine Abneigung gegen jegliche Art autobiographischer Texte, ist mithin ein weithin unbeschriebenes Blatt: Cass McCombs. - © Domino Records
Hat eine Abneigung gegen jegliche Art autobiographischer Texte, ist mithin ein weithin unbeschriebenes Blatt: Cass McCombs. - © Domino Records

Wenn ein Musiker sich betont öffentlichkeitsscheu gibt und solchermaßen nota bene auch Geringschätzung für das publizitätsorientierte Geschäft bekundet, in dem er arbeitet, erweckt das reflexhaft Argwohn: Kann er wirklich wünschen, mögliche Interessenten auf Distanz zu halten? Will er sich interessant machen? Will er womöglich gar Öffentlichkeit erzielen, indem er sich ihr entzieht?

Was auch immer bei Cass McCombs das Motiv gewesen ist - es ist ihm seit seinem Debüt "A" 2003 fünf Alben lang gelungen, jenseits der allerengsten Indie-Insider-Klientel top secret zu bleiben. Und das ist auch insofern bemerkenswert, als sich auf besagten Platten nicht nur eigenwillige, vertrackte Folks-Songs über die Befindlichkeiten von Henkern, das Leben zu Zeiten der Niederschrift der Bibel oder eine "Stadt der brüderlichen Liebe" ("oh ja, ich habe meinen Plato gelesen") sammeln, sondern auch eine ansehnliche Anzahl potentieller Pop-Hits von waschechtem Klassiker-Format: Mid- bis Uptempo-Stücke wie "That’s That" oder "Don’t Vote", das lakonische "Jonesey Boy" oder die versponnene, gerade wegen ihrer ordentlich affektierten Interpretation berückende Ballade "Windfalls".

Seit heuer um die Osterzeit "Wit’s End" erschienen ist, ist es mit der Anonymität für Cass McCombs schwieriger geworden: Das makellos in sich geschlossene Epos über Verlust, Einsamkeit und schicksalhafte Beziehungen konnte gemeinhin nicht anders denn als Meisterwerk wahrgenommen werden. Und es weckte, mit der gleichen Folgerichtigkeit, Neugier für seinen Schöpfer.

1977 in Kalifornien geboren, hat McCombs das Image eines Nomaden. Wen er etwa als Begleitmusiker rekrutiert, hängt davon ab, wo er gerade verweilt und wer sich mit dem kargen Sold, den er zu zahlen imstande ist, zufrieden gibt. Umso erstaunlicher, dass immer wieder erstklassige Akteure darunter sind; besonders Gitarrist Chris Cohen und Bass-Klarinettist Robbie Lee, die "Wit’s End" im wahrsten Wortsinn veredeln.

Kein Kult ums Ego


Bevor er sich dem Musikmachen widmete, suchte McCombs jeden Winkel der USA heim und verdingte sich dabei u.a. als Nachtwächter, Stallbursche, LKW-Fahrer, Filmvorführer, Bauarbeiter und Verkäufer. Angeblich kommt von den Geschichten, die er dabei aufschnappte, ein Gutteil seiner Texte.

Nicht, dass diese etwa unmittelbar Aufschluss über das (Er-)Leben des Cass McCombs gäben: Seine ausgeprägte Abneigung gegen autobiographische Songtexte, gegen autobiographische Kunst überhaupt, ist, weil mehrfach dokumentiert, eines der wenigen gesicherten Fakten über die Persona des Sängers, in dessen Stimme etwas von dem latent süffisant/sarkastisch anmutenden Tonfall eines Lloyd Cole oder Tom Verlaine mitschwingt.