Paul Simon: So Beautiful Or So What - © Concord / Universal
Paul Simon: So Beautiful Or So What - © Concord / Universal

Langsam sieht man ihm sein Alter an. Siebzig Jahre wird er heuer im Oktober - ein in Popkategorien geradezu biblisches Alter. Das erreichen zwar auch andere Heroen aus der Frühzeit des Rock’n’Roll, doch die begnügen sich in der Regel damit, lediglich altes Material aufzuwärmen. Nicht so Paul Simon. Der legt auch nach der Pensionierungsgrenze alle paar Jahre noch beachtliche Alben vor. Zuletzt etwa das bemerkenswerte "Surprise" (2006), für das er sich die Mitarbeit von Soundprofessor Brian Eno sicherte, der einige höchstmoderne Soundflächen beisteuerte und den Welt-Folk-Pop von Simon in die sonischen Gefilde des 21. Jahrhunderts katapultierte.

Für veritable Überraschungen war Simon aber immer schon gut, seit er 1970 die legendäre Partnerschaft mit Art Garfunkel beendete: Immer wenn man glaubte, ihm sei die künstlerische Puste ausgegangen, machte Simon erstaunliche Kehrtwendungen, um dann wieder in irgendein Desaster zu stürzen - totale Flops wie sein Millionenverluste einfahrendes Broadway-Musical "The Capeman" (1998) oder der Film "One Trick Pony" (1980) auf der Negativseite, grandiose Triumphe wie der Millionenseller "Still Crazy After All These Years" (1975), das stille Meisterwerk "Hearts and Bones" (1983) und natürlich sein Ethno-Pop-Meilenstein "Graceland" (1986) auf der Positivseite.

Dass das neue Album, "So Beautful Or So What", seine beste Platte seit zwanzig Jahren sei, hat Paul Simon schon letztes Jahr angekündigt. Ein Schelm, wer glauben würde, dieses Eigenlob diene nur der Ankurbelung des Verkaufs. Wenn Simon in Geldnöte gerät, seien es nun echte oder eingebildete, so bräuchte er ja nur wieder auf Tour mit seinem verfeindeten Freund Garfunkel zu gehen, um ordentlich Dollars in die Kassen zu spülen. Wir dürfen Simons Eigenwerbung also trauen, zumal die Kritiker sein Urteil mittlerweile bestätigt haben und unisono "Graceland" als Referenzpunkt dieses elften Soloalbums benennen.

Mit dem bereits vorab veröffentlichten Gospelsong "Getting Ready for Christmas Day" als Opener beginnt die Platte jedenfalls in einer mehr an die Soundbasteleien von "Surprise" erinnernden Weise: Verwischte Klangeffekte, peitschende Akkorde der Akustikgitarre und die wie immer frisch und engelsgleich klingende Stimme von Simon werden komplementiert durch organisch implantierte Samples des 1945 gestorbenen Reverend J.M. Gates, einem Bürgerrechtsprediger, während Simon über den blutigen US-Krieg im Irak singt.

"Dazzling Blue" mit seiner polyrhythmischen Perkussion erinnert unverkennbar an das Welt-Pop-Konzept von "Graceland" und ist eines der vielen Highlights dieses klassikerhaften Albums. Überhaupt wirkt "So Beautful Or So What" wie die Summe aus Simons Schaffen - und daher fast schon wie der Schlussstein seines Solowerks: Das luftige "Rewrite" könnte auch auf "Hearts and Bones" zu finden sein, die Piano-Ballade "Love & Hard Times" erinnert markant an "Still Crazy After All These Years", während das kurze Solo-Gitarreninstrumental "Amulet" auf die Anfänge seiner Solokarriere verweist.

Paul Simons neues Album ist in jeder Hinsicht das große Alterswerk eines alten Mannes, der nicht nur erneut sein unerschöpfliches Talent unter Beweis stellt, sondern zugleich einen Umstand demonstriert, der allzu leicht in Vergessenheit gerät: nämlich die revitalisierende Wirkung von Pop-musik.
Eine so wundervolle, souveräne Platte wie "So Beautful Or So What" bestätigt den Altersgenossen von Simon, die ihm durch Höhen und Tiefen treu geblieben sind, dass sie vielleicht alt, aber eben nicht so veraltet sind, wie manche ihrer dem "Musikanten-stadl" verfallenen Freunde. Und sie enthält das Versprechen an alle Hörer ab dem 35. Lebensjahr, dass man durchaus in Würde altern kann.

Auch aus diesem Grund sollten alle Altersklassen in diesem Sommer die Gelegenheit wahrnehmen, Paul Simon (noch) einmal live zu sehen, bevor es vielleicht zu spät ist.

Dass seine immerhin 43 Konzerte umfassende Welttournee in Österreich leider keine Station machen wird, muss man ihm wohl nachsehen. Wer reiselustig ist, kann ihn aber zumindest Mitte Juli in Hamburg, Berlin oder Zürich erleben.