Ihre Songs sind nordisch angehaucht, aber ohne die übliche Tristesse: Hanne Hukkelberg. - © Nadia Frantsen
Ihre Songs sind nordisch angehaucht, aber ohne die übliche Tristesse: Hanne Hukkelberg. - © Nadia Frantsen

Die Bekanntheit von Künstlern und Musikern richtet sich im digitalen Zeitalter auch danach, wie sehr sie in virtuellen Netzwerken präsent sind. Nicht dass Hanne Hukkelberg im Netz absent wäre - sie hat eine eigene Homepage und eine myspace-Seite; dennoch gehört sie trotz der Veröffentlichung ihres vierten Soloalbums, "Featherbrain", immer noch zu den Geheimtipps aus Skandinavien.

Ein erster Interviewtermin mit ihr scheiterte jedenfalls daran, dass der von ihr benutzte Zugang zum norwegischen Internet für eine Skype-Konferenz zu instabil gewesen wäre. Wir mussten uns daher auf konventionellem Telefonweg verständigen, wobei die Qualität der Mobilfunknetze auch nicht immer optimal ist . . .

Ungeahnte Stimmhöhe


Musikerin zu werden, war für die inzwischen 32-jährige Hanne Hukkelberg eigentlich logisch. Ihr Vater ist Kirchenmusiker und die Mutter klassisch ausgebildete Pianistin. Mit elf Jahren komponierte sie bereits ihr erstes Lied. Einen wesentlichen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Kongsberg, Norwegen. Die Schule, die sie besuchte, förderte zudem ihre Interessen, da sie musikalisch ausgerichtet war. Hanne Hukkelbergs Stimme erreichte ungeahnte Höhen, was ihr Anfragen seitens einiger Metal-Bands einbrachte.

Etwas ironisch bleibt es dennoch, dass sie 2001 zusammen mit der Doom-Metal-Band Funeral das Album "In Fields of Pestilent Grief" einspielte. Metal-Musik gehört nämlich nicht unbedingt zu ihren Vorlieben. Nach diesem Experiment konzentrierte sich Hukkelberg auf ihre weitere Ausbildung. Sie studierte in Oslo Gesang und "Jazzmusik", wobei die Norwegian Academy of Music unter Jazz alles verstand, was nicht Klassik war - mit Ausnahme von Metal.

- © Nadia Frantsen
© Nadia Frantsen

2004/2005 erschien nach der EP "Cast Anchor" ihr Debüt "Little Things", ein träumerisches, schalkhaftes Album. Wie der bescheidene Titel suggeriert, könnte es sich bloß um Beiläufiges handeln. Allerdings erstaunt die feine Instrumentierung. Die Künstlerin selbst benutzt neben Glockenspiel, Synthesizer und Bass auch Exotisches wie Weingläser, Plastikflaschen oder Radsterne, um ihren originellen Sound zu kreieren, der von Tuba, Banjo oder Theremin ergänzt wird. Sie entwarf bereits zu dieser Zeit ihren eigenwilligen Stil aus Groteske und Popsong, der sich jazzartiger Elemente bedient oder Anleihen beim Musical nimmt.

Wenn auch nordisch angehaucht, fehlt Hanne Hukkelberg dennoch die Tristesse nordischer Seelenlandschaften à la Stina Nordenstam. Das zärtliche "Conversion", das an einen 1960er-Jahre-Schlager erinnert, wird dezent mit einem Slow-Motion-Karnevalrhythmus untermalt. "True Love" setzt mit einem dissonanten Jazzrhythmus ein, um im Refrain in einer hollywoodartigen Emphase aufgehoben zu werden. Und in "Boble" wird ein Akkordeon derart in Szene gesetzt, als stamme es direkt aus einem französischen Film. Doch das wichtigste Instrument bleibt Hukkelbergs Stimme, die den Stücken Kontinuität und einen warmen Klang verleiht.

Bei "Rykestr. 68" von 2006/2007 - der Titel ist eine Reminiszenz an einen Aufenthalt in Berlin - wird der Ton von der Instrumentierung her etwas rauer und direkter, ohne dabei sein träumerisches Element einzubüßen. Die Jazzelemente werden nun deutlicher in die poppigen Sequenzen einbezogen. Die Verspieltheit weicht einem unmittelbareren Zugang zur Melodie.

Nicht zuletzt deshalb hat dieses Album von der Kritik mehr Aufmerksamkeit bekommen und wurde mit dem norwegischen Grammy ausgezeichnet. "The Pirate" oder "The Northwind" sind Kompositionen, die den Hörer auf eine Reise zu nordischen Wälder- und Seenlandschaften einladen. Dennoch sperrt sich auch das zweite Album gegenüber dem Mainstream, obwohl es das Pathos, wie etwa in dem Pixies-Cover "Break My Body", nicht scheut.

Mit "Blood From A Stone" aus dem Jahr 2009 ändert sich die musikalische Ausrichtung. Die Instrumentierung konzentriert sich im Wesentlichen auf Bass, Gitarre und Schlagzeug. Es ist das bisher eingängigste Album, aber auch dasjenige, das am wenigsten Überraschungen zu bieten hat. Gleichzeitig wird Hanne Hukkelbergs Stimme noch variantenreicher und extrovertierter, hat sie sich auf den ersten beiden Alben doch auf eher zarte und inwendige Klänge besonnen. Selbst Rockanleihen sind ihr nun nicht mehr fremd, die jedoch ein wenig in Watte getaucht werden - wie in "Bandy Riddles". Aber die Norwegerin stimmt nun auch dunklere Töne an, wie etwa in "No Mascara Tears", oder gedenkt ihrer experimentellen Wurzeln in dem erfreulich zerfahrenen "No One But Yourself".

Auf "Featherbrain" kulminieren diese unterschiedlichen Phasen in einem sperrigen wie faszinierenden Opus. Die stimmliche Exaltiertheit von "Blood From A Stone" mischt sich mit den zurückhaltenden Momenten von "Little Things". Dabei dominieren diesmal die theatralischen Augenblicke bei gleichzeitiger Liebe zum fein ausgewebten musikalischen Detail, was sich etwa in dem rondoartigen Cellospiel bei "I Sing You" zeigt, wobei Hanne Hukkelberg gleich darauf in "The Bigger Me" mit einer Mischung aus Xylophon und Pfeifen überrascht.