Vor wenigen Jahren noch klang jede zweite neue Independent-Band nach New Order. Diese Phase scheint vorbei, was aber nicht bedeutet, dass nicht weiterhin die Ideen anderer musikalischer Vorgänger geschätzt würden und ihnen geradezu gerne und manchmal ausgiebig Referenz verliehen wird. Doch in Zeiten der Post-Postmoderne wird das Zitat des Zitates fast wieder zum Original. Ein Grund, einen Blick auf zwei Neuerscheinungen jüngerer Bands zu werfen, die aus den Quellen ihrer Inspiration kein großes Geheimnis machen.

Mit dem selbstbetitelten Debüt hat das Duo The Hundred in the Hands vor zwei Jahren charmanten Pop mit elektronischer Finesse gepaart. Für eine New Yorker Band klangen Eleanore Everdell und Jason Friedmann erstaunlich deutsch und erinnerten manchmal an Bands à la 2raumwohnung. "Red Night" distanziert sich bei aller Popaffinität durch seine dämmrige Stimmung entschieden von Berliner Naivität.

Das Album klingt aber weiterhin sehr europäisch. Gerade der düstere Titelsong mit seiner monotonen Rhythmik würde etwa gut ins Wiener Lokal "Rhiz" passen. In dieselbe Sparte fügt sich das gespenstische "Faded", bei dem Everdells Gesang nur unter Schmerzen aus einer anderen in die gegenwärtige Welt durchzudringen scheint - gedämpft von Elektrobeats und Dance-Floor-Klängen.

Viele andere Stücke erinnern allerdings weniger an einen nächtlichen Großstadtsoundtrack. "Stay the Night" wird mit polternden Gitarrensounds überbordet, "Empty Stations" mit Klangcollagen überfrachtet. Dazwischen blitzen Melodieideen auf, die aber kaum moduliert oder von Sounds erstickt werden. Bei aller Abwesenheit von Frohsinn, die das Album ausstrahlt, wird das Herz des Melancholikers doch nur selten zu begeistern sein. Zu unentschieden betreten The Hundred in the Hands die Welt der Untoten, zu inkonsequent verweilen sie aber auch unter den Lebenden.

Eindeutig lebendiger präsentiert sich "Here We Are", das Debüt der Citizens!. Es strotz nur so von Farbe in leicht milchigen Tönen. "We stop making sense. We never made any sense", schmettert Tom Burke einem in dem Song "Caroline" entgegen - und daraus kann man eine Art Credo ablesen.

Die Musik der Londoner Band wirkt ungemein leichtfüßig, melodiensicher und witzig, sodass es trotz musikalischer Anklänge an Teenietanzsäle ein großer Spaß ist, dem Quintett auf seinen Pfaden in postpubertäre Liebesallüren zu folgen.

Dabei versteht es die Band durchaus, mit nuancenreichen Untertönen kaum Langweile aufkommen zu lassen. In "True Romance", einem 1980er-Cluster mit billigem Keyboardsound und brummendem Bass, wird "Here we are" auch als selbstbewusstes Statement hinausposaunt. Etwas müßig wäre es, sämtliche Einflüsse, die Spuren bei der Band hinterlassen haben, aufzuzählen. Die Citizens! sind bekennende Eklektizisten. Selbst Schlager der 1960er Jahre scheinen ihnen vertraut zu sein, wie "I Wouldn’t Want to" frech unter Beweis stellt.

Was aber, wenn sich hinter der Fassade der relativen Belanglosigkeit die hohe Kunst der Verführung verbirgt? Ein Beweis dafür ist der Song "Monster". Hier erreichen die Citizens! beinahe die gespenstische Pop-Professionalität von Bands wie Abba. So wird der Witz des Albums zu einer perfiden Doppelbödigkeit: Der Hörer wird zunächst durch die offensichtliche Leichtigkeit in Sicherheit gewogen, um beinahe zu spät zu merken, wie er an der Nase herumgeführt wurde, wenn sich die vorgebliche Naivität als tiefgründige Raffinesse entpuppt.

Doch selbst wenn diese Strategie durchschaut scheint, wird man noch einmal getäuscht - denn selbst diese Raffinesse gehört zum Spiel der Oberfläche. Es gibt keine Tiefe. Dieser doppelte Witz macht das Album der Citizens! so erfrischend: Sie haben aufgehört, Sinn zu machen, ehe sie damit anfingen. Sie beschränken sich somit auch konsequent auf die Gegenwart: "Here we are" - "until we disappear again."

The Hundred in the Hands: Red Night (Warp Rec.)

Citizens!: Here we are (Universal)