Gitarrist Omar Alfredo Rodriguez-Lopez (links) und Sänger Cedric Bixler-Zavala.Foto: Michael Rizzi / Universal
Gitarrist Omar Alfredo Rodriguez-Lopez (links) und Sänger Cedric Bixler-Zavala.Foto: Michael Rizzi / Universal

Kryptomnesia ist das Phänomen des unbeabsichtigten Plagiats oder einer "Erinnerung", die man nicht selbst erlebt hat. Sie kann Gedanken, Ideen, Lieder oder Witze betreffen. Der Chemiker Kekulé träumte einst von einer Schlange, die ihren Schwanz im Mund verschluckt und kam dadurch auf die Idee des Benzolrings. Dieses spezifische Symbol war im Altertum bekannt unter dem Namen Ouroboros und bezeichnete das Unendliche oder die zyklische Wiederholung. Gelangt ein Prozess ans Ende, so ist er Zeichen eines Neubeginns. Meist wird die Schlange zweifarbig dargestellt. In ihr vereinigen sich die Gegensätze von Licht und Dunkel, von aktiv und passiv, sodass sie auch mit Yin und Yang assoziiert werden konnten.

Nicht von ungefähr lautet ein Titel auf dem 2007 erschienenen Album "The Bedlam in Goliath" von The Mars Volta "Ouroboros" - und nicht zufällig sind die Songtexte im Booklet, das dem Werk "Cryptomnesia" von El Grupo Nuevo de Omar Rodriguez Lopez beiliegt, in einer Spirale angeordnet.

Das Neue verlangt nach dem Vertrauten, das Zukünftige baut auf dem Vergangenen auf. Stets sind Spuren von Pink Floyd, Led Zeppelin, King Crimson oder auch John Coltrane in der Musik von Rodriguez Lopez anwesend, ohne dessen originellen Gitarrenstil, der mal zappaesk wirkt oder an Hendrix erinnert, zu dominieren.

Rodriguez Lopez scheint niemals zu schlafen. In den letzten fünf Jahren veröffentliche er acht Soloalben - die Platten mit seinem Quintett, mit The Mars Volta (TMV) oder anderen Musikern, unter denen sich so illustre Gestalten wie Lydia Lunch, John Frusciante und Damo Suzuki befinden, nicht mitgerechnet. Auf "Cryptomnesia" - einer Aufnahme aus dem Jahr 2006 - hat er Zach Hill und Jonathan Hiske von Hella und Juan Alderete de la Peña von TMV versammelt. Text und Gesang steuerte Cedric Bixler Zavala zwei Jahre später bei.

Anders als bei dem gespenstischen Album "Despair" oder dem verfrickelten "Old Money" halten sich die Jazzambitionen oder die Liebe zum Experimentellen auf "Cryptomnesia" zurück. Die Songstruktur ist klarer. Dennoch geht etwas Bedrohliches von der Musik aus, was nicht zuletzt am manisch treibenden Schlagzeug von Hill liegt. Dazu gesellt sich der eunuchenartige Gesang von Bixler Zavala, der von medizinischen Obsessionen infiziert ist. "Don´t make me steal your vital organs" , heißt es im Titelsong. Andernorts verbreiten sich Bakterien ("Half Kleptos"), ansteckende Krankheiten drohen ("Tuberculoids", "Puny Humans"), weibliche Papiergenitalien werden gefaltet ("Paper Cunts") oder ein Pärchen wird erschlagen ("Elderly Pair Beaten with a Hammer"). So zerstückelt, wie es in den Texten zugeht, so fragmentiert ist die Musik, die durch Bixler Zavala einen Zusammenhalt erfährt. Auch wenn die Gitarre schnörkellos kreischt, verleiht vor allem das rastlose Bassspiel dem Album eine Atmosphäre von durchwachten Nächten. Zwei weitere CDs von El Grupo Nuevo sind bereits angekündigt.