• vom 05.10.2011, 17:01 Uhr

Kultur


Oper

Weder gut noch böse




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Von Lena Draić

  • Staatsoper: Jean-Francois Sivadier inszeniert die neue "La Traviata"
  • Verdi-Premiere am kommenden Sonntag ohne Helden und Luxus.

Bei den Proben: Regisseur Jean-Francois Sivadier.

Bei den Proben: Regisseur Jean-Francois Sivadier. Bei den Proben: Regisseur Jean-Francois Sivadier.

"Oft will das Publikum in ,La Traviata ein großartiges Bühnenbild und aufwendige Kostüme sehen. Doch die Protagonisten sind keine Helden, nicht gut oder böse, sondern einfach menschlich." Jean-Francois Sivadier, der in der Neuproduktion von Verdis Drama um die "vom Weg abgekommene" Violetta Valéry in der Wiener Staatsoper Regie führt, hält wenig von historischen Kostümen und luxuriösen Dekors: Das Besondere an der Tragödie der Kurtisane, die ihr ungebundenes Leben der Liebe willen aufgibt und schließlich an gesellschaftlichen Konventionen scheitert, sei doch gerade, dass es sich um keine Heroengeschichte in antikem Ambiente handle, sondern um eine realistische Begebenheit aus dem Hier und Jetzt des Publikums. Darum agieren die Protagonisten in der Regie des Franzosen, die nach beinahe exakt 40 Jahren die Inszenierung von Otto Schenk ablösen wird, auch in moderner Kleidung und schmucklosem Ambiente (Bühne: Alexandre de Dardel). "Ich mag es, wenn ich in der Oper nicht weiß, zu welcher Zeit die Handlung spielt", so der Regisseur. "Denn die Musik ist zeitlos, universell."


Europa-Debüt als Violetta
Die neue "Traviata", die am Sonntag in der Staatsoper Premiere feiern wird, ist eine Koproduktion mit dem Festival von Aix en Provence, wo sie bereits im Juli Premiere hatte. Natalie Dessay war dort in ihrem Europadebüt als Violetta zu erleben, wie in Aix wird ihr auch in Wien Charles Castronovo als Alfred zur Seite stehen. Die übrigen Rollen werden neu besetzt, allen voran Fabio Capitanucci als Vater Germont, am Pult steht Bertrand de Billy.

Sivadier hat sich mit Verdis Liebestragödie bereits vor 15 Jahren auseinandergesetzt: 1996 schrieb er das Stück "Italienne pour Orchestre", das vom Beziehungsgeflecht zwischen den Beteiligten während einer "Traviata"-Probe handelt. Warum gerade "La Traviata"? Violetta ist für Sivadier die paradigmatische Operndiva, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Tod ("Amore e morte" war auch der ursprünglich von Verdi vorgesehene Titel). Bei seiner Inszenierung dieses musikalischen "Roman bourgeois" hat Sivadier die Rolle der Violetta ganz aus der Zusammenarbeit mit Natalie Dessay heraus entwickelt. "Jetzt ist Violetta für mich Natalie", so Sivadier.

In der TV-Übertragung aus Aix erinnerte Dessay denn auch an die Mélisande, die sie 2009 im Theater in der Wien verkörpert hatte: fragil, kindlich, beinahe unschuldig. Dessay spielt Violetta nicht als Vamp, der die Männer betört. "Natalie Dessay sagte zu mir: ,Ich bin nicht Brigitte Bardot, darauf sagte ich: ,Wir müssen uns vorstellen, dass alle Männer dich ansehen, weil du fröhlich und lebenslustig bist." Darum will Sivadier Violetta nicht als Opferrolle anlegen: Schließlich sei es nicht Selbstmitleid, das diesen Charakter anziehend mache, sondern Lebensfreude. Dies offenbare sich am Schluss: Das letzte Wort, das Verdis Librettist Francesco Maria Piave der Sterbenden in den Mund legt, ist "gioia"-Freude.

"Interessant und gewagt" findet Sivadier diesen Einfall - wie Verdis Musik: "Sie ist sehrmodern - keinMuseumsstück, sondern lebende Materie."




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Oper, Staatsoper

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Dokument erstellt am 2011-10-05 17:08:07


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