Der 19-jährige Jakob Grünberger absolviert derzeit die letzten Wochen seines Zivildiensts im Sozialbereich. Im Herbst wird er zu studieren beginnen. Er schwankt dabei zwischen Meteorologie und Verfahrenstechnik. Noch sind die Würfel nicht gefallen. Was der Wiener Lehrer-Sohn aber sicher weiß: Von zu Hause ausziehen wird er in absehbarer Zeit nicht. Er lebt mit seinen Eltern in einem 200 Quadratmeter großen Reihenhaus am Laaer Berg. "Ich wohne gerne zu Hause. Ich habe mein Zimmer, genug Freiraum und die Natur vor der Tür. Seit elf Jahren spiele ich Schlagzeug und das habe ich zu Hause stehen – das könnte ich in eine Wohnung auch nicht mitnehmen. Zu meinen Eltern habe ich ein sehr gutes Verhältnis – wir kommen super miteinander aus."
So wie Grünberger machen es sich auch viele andere junge und gar nicht mehr so junge Erwachsene im "Hotel Mama" gemütlich. Laut Eurostat lebten 2011 in Österreich 76 Prozent der 18- bis 24-Jährigen noch zu Hause sowie 23,9 Prozent der 25- bis 34-Jährigen. Sieht man sich die Mikrozensus-Erhebung der Statistik Austria für das Jahr 2012 an, wohnten 18,3 Prozent der Frauen und 36,2 Prozent der Männer zwischen 25 und 29 Jahren bei den Eltern. "Mehr als jeder dritte Mann in Österreich lebt in diesem Alter noch – oder wieder, das weiß man nicht – im elterlichen Haushalt", betont dazu Christine Geserick vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien.
Sieht man sich die vergangenen Jahrzehnte an, ist der Anteil der jungen Erwachsenen, die bei den Eltern leben, deutlich gestiegen – das gelte vor allem für die über 30-Jährigen, sagt Geserick. So hat sich zum Beispiel der Anteil der Männer zwischen 30 und 34 Jahren, die noch zu Hause wohnen, von 1971 auf 2001 von neun auf 18 Prozent verdoppelt. Bei den 25- bis 29-Jährigen wurde ebenfalls ein deutlicher Anstieg verzeichnet: Lebten 1971 acht Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe noch zu Hause, waren es 1991 14,5 Prozent. Der Anteil der Männer erhöhte sich von 26,7 auf 33,6 Prozent.
Inzwischen hat sich dieser Trend aber eingebremst – beziehungsweise haben sich die Anteile der Nesthocker eingependelt. Sieht man sich beispielsweise die Gruppe der Männer zwischen 25 und 29 Jahren an, lebten sie 2001 zu 37,6 Prozent noch bei den Eltern, 2009 zu 34,5 Prozent, zuletzt 2012 zu 36,2 Prozent. Keinen signifikanten Unterschied gibt es hier übrigens zwischen ländlichem und urbanem Raum.
Die Gründe, warum junge Erwachsene länger zu Hause bleiben, sind vielfältig. Zum einen hat sich die gesamte Abfolge der biografischen Lebensereignisse nach hinten verschoben, betont Geserick. Das betrifft das erste Zusammenziehen mit dem Partner, der Partnerin ebenso wie das Erstheiratsalter und das Alter bei der Geburt des ersten Kindes.

Längere Ausbildung

Länger dauern heute aber auch die Ausbildungszeiten, hält Angelika Kofler fest, die beim Marktforschungsinstitut GfK Austria für den Bereich Sozialforschung verantwortlich ist. Den jungen Erwachsenen würden zudem nicht mehr wie in vergangenen Generationen, "rigide autoritäre Eltern" gegenüberstehen, "die Fluchtreflexe auslösen". Kofler: "Die Eltern heute sind viel liberaler, also kann es die Jugend heute ganz gut länger mit ihnen aushalten."
Manchmal zieht es die Kinder nach anderen Wohnerfahrungen sogar wieder zurück ins Elternhaus, wie etwa die 22-jährige Wirtschaftsstudentin Elisabeth Riedler. Sie ist in Horn im Waldviertel aufgewachsen und übersiedelte zu Beginn des Studiums zunächst in eine Wohngemeinschaft nach Wien. "Wie wahrscheinlich bei den meisten Menschen ist das Wohnen in einer klassischen WG eine schöne und spannende Zeit, aber irgendwann bevorzugt man dann eine andere Form des Wohnens."
Ihre Mutter lebt in einer Wohnung in einem Zweifamilienhaus in Horn. Die andere Wohneinheit wird von Verwandten genutzt. Nachdem Riedler den Bachelor in Volkswirtschaftslehre absolviert hatte, entschloss sie sich, wieder nach Hause zu ziehen. Während sie ihren Master macht, pendelt sie nun aus dem Waldviertel an die Wirtschaftsuniversität. Es sei gut möglich, erzählt sie, dass sie nach dem Studium ins Ausland gehen werde. "Daher ist es auch schön, die Zeit jetzt noch etwas mehr mit der Familie zu verbringen. Es bedeutet für mich aber auch Lebensqualität, in einem Ort zu wohnen, wo ich gleich in der Natur bin, um Sport zu machen sowie mich erholen zu können."

Das liebe Geld

Es gibt aber auch den finanziellen Aspekt. "Es ist doch angenehm zu wissen, dass man die Eltern weniger belastet sowie selbst mehr Geld zur Verfügung hat", sagt Riedler. Jakob Grünberger dagegen weiß: Würde er ausziehen wollen, wäre auch das kein finanzielles Problem. Die ältere Schwester, sie ist 21 Jahre alt, studiert Jus und ist vor etwa einem halben Jahr von daheim ausgezogen. Für sie übernehmen die Eltern die Miete. "Das würden sie bei mir sicher auch machen. Ich will aber nicht komplett abhängig sein von meinen Eltern, ich würde schon etwas dazuzahlen. Mir gefällt es aber, so wie es jetzt ist."
Seinem Zivildienst-Kollegen Patrick Herkel (25) gefällt dagegen wenig, wie es jetzt ist. Dennoch wohnt auch er – wieder – zu Hause. Während Grünberger und Riedler einen sehr geradlinigen bisherigen Lebensweg beschritten haben – Matura, danach Studium – hat Herkel bereits turbulente Jahre hinter sich. "Ich bin schon viel herumgezogen. Das erste Mal ausgezogen bin ich mit elf Jahren – zum Papa. Die Eltern haben sich scheiden lassen, als ich sieben war. Meine Schwester ist dann auch zum Papa gekommen. Mit 16 bin ich wieder retour zur Mutter. Mit 21 hatte ich eine eigene Gemeindewohnung – drei Jahre habe ich auf die gewartet. Die habe ich aber zuerst nicht bewohnt, weil da bin ich zur damaligen Freundin gezogen. Dann war es aus und ich bin doch in die Wohnung. Aber da hat meine Schwester ihre Wohnung aufgegeben, weil sie mit der Miete im Rückstand war, auch in einer Gemeindewohnung, und sie hat auch ein Kind und einen Freund. Und damit sie nicht auf der Straße steht, habe ich sie einziehen lassen und bin mit 22 zur Mama retour. Dann war ich eine Zeit lang bei einer Ex-Freundin in Floridsdorf und jetzt bin ich meiner Mutter dankbar dafür, dass sie mich wieder genommen hat."
Auch in Sachen Ausbildung und Beruf gibt es bei Herkel wenig Kontinuität. Nach dem Pflichtschulabschluss begann er zunächst eine Hotelfachlehre, hatte aber rasch gesundheitliche Probleme – die Tragehand schmerzte. Auch die anschließende Lehre als bautechnischer Zeichner hat er abgebrochen – "die Bezahlung für die Arbeit, die man machen musste, war ein bissl mager". Danach hat er, wie er erzählt, "viel ausprobiert: vom Büro übers Callcenter, Immobilienmakler, Bühnenaufbau, Tankstellenmonteur". Was er eigentlich sein will? "Ich wollte schon immer Schauspieler werden." Und ein Leben in den USA wäre auch toll.
Die Realität sieht im Moment jedenfalls anders aus. Vor dem Zivildienst hat er sich bei einer Firma beworben, die die Tanks in der Raffinerie Schwechat reinigt. Nun hofft er, nach Beendigung des Zivildiensts dort tatsächlich unterzukommen. In der Gemeindewohnung der Mutter in Hirschstetten wohnt derzeit auch sein jüngerer Bruder. "Er hat vor einem Jahr die Schule beendet und seitdem macht er nichts. Er ist nicht dumm, aber extrem faul. Man muss ihm in den Hintern treten, damit er irgendwas macht." Und auch Herkels derzeitige Freundin wohnt hier.
Seine Hauptmotivation, auch weiter in dieser Konstellation zu leben, "ist, dass ich diese Wohnung haben möchte. Und wenn meine Mutter auszieht, übernehme ich sie. Aber da muss ich bei Wiener Wohnen mindestens zwei Jahre gemeldet sein". Herkels Mutter ist krank und gilt derzeit beim AMS als "nicht vermittelbar". "Meine Mutter ist 45 Jahre alt, aber ziemlich schlecht beinand."
Wenn er über das Verhältnis zu seiner Mutter erzählt, treten Ambivalenzen ans Tageslicht. "Ich bin ihr eine Hilfe, weil ich den Einkauf erledige. Und wenn sie im Spital ist, mache ich auch die Wäsche, das Geschirr. Aber auch wenn sie da ist, kann sie keine schweren Arbeiten machen." Reibung sei aber spürbar. "Die Wohnung gehört meiner Mutter und das zeigt sie mir auch. Wenn ihr irgendetwas nicht passt, kommt die Drohung soundso oder du bist draußen. Ich lass mir von meiner Mutter aber nichts gefallen, weil ich hatte nicht die schönste Kindheit. Die Hauptsache ist für sie ja, dass sie pünktlich von mir das Geld bekommt." 200 Euro zahlt er im Monat für sich und seine Freundin an seine Mutter.
Grundsätzlich komme man aber gut miteinander aus. "Wenn sie etwas braucht, helfe ich ihr, da muss sie nicht betteln kommen. Auch bei World of Warcraft. Sie ist eine World of Warcraft-Spielerin. Sie kann ja nicht lange gehen und ist meist zu Hause und da sitzt sie eben stundenlang in ihrem Zimmer und spielt."
Dass Herkel unbedingt in der Gemeindewohnung bleiben möchte, hat natürlich finanzielle Gründe. "Das ist im Vergleich zu einer Mietwohnung günstig. Ich habe ja auch als Immobilienmakler gearbeitet. Da bekommt man schon sehr viel mit." Laut Immo-Barometer des Portals FindMyHome.at für das Jahr 2012 wurde das Mieten in Wien innerhalb von fünf Jahren um 30,3 Prozent teurer. Und auch das heurige Jahr hat nach Angaben des Portals schon mit Preissteigerungen begonnen. Im ersten Quartal waren in Wien im Schnitt 14,51 Euro Bruttomiete pro Quadratmeter zu bezahlen. Innerhalb des Gürtels waren es sogar 16,10 Euro. Das ist eine durchschnittliche Steigerung seit Jänner um 4,1 Prozent.
Das führt auch dazu, dass viele junge Erwachsene noch von ihren Eltern ganz oder teilweise finanziert werden. "28 Prozent aller unselbständigen Erwerbstätigen zwischen 18 und 24 wurden 2012 von den Eltern noch finanziell unterstützt und acht Prozent aller 25- bis 34-Jährigen", sagt Daniel Schönherr, Researcher bei SORA (Institute für Social Research and Consulting). Auch diese Werte seien aber in den vergangenen zehn Jahren stabil.
Der 18jährige Kaingu Zimba sollte in diesem Frühjahr eigentlich Matura machen. In Mathematik und Französisch hat es aber nicht gereicht. Der junge Mann, der derzeit mit seiner Mutter und seinem siebenjährigen Halbbruder in einer 60 Quadratmeter-Wohnung lebt, ist aber zuversichtlich, es beim Herbsttermin zu schaffen. Und dann geht es an die Uni. Welche Studienrichtung es werden wird, weiß Zimba noch nicht sicher. Soziologie würde ihn interessieren. Sein Ziel: Er will Europa verlassen und nach Afrika gehen, um dort als Menschenrechtsaktivist tätig zu sein. Konkret zieht es ihn nach Kenya – der Heimat seines Vaters.
"Finanziell gesehen ist es sicher angenehm, bei der Mama zu wohnen", sagt er. Und eine Weile wird er auch noch im "Hotel Mama" bleiben. "Aber ich kann nicht das ganze Leben dort bleiben, nur damit ich sage: Ich spare Geld." Er sucht daher nun einen Samstagsjob, etwas Einfaches, wie zum Beispiel Lagerarbeit. Sobald es sich finanziell ausgeht, möchte er auch ausziehen. Und hofft – wie bereits seine beiden älteren Schwestern – auf die Hilfe der Mutter.
Die hat Verständnis für den Sohn. "Meine älteste Tochter, sie ist heute 25, war 18, als mein jüngster Sohn geboren wurde. Wir haben damals zu sechst auf 60 Quadratmeter gewohnt, das war nicht mehr möglich. Also ist sie ausgezogen, aber ich habe sie noch zwei, drei Jahre
finanziell unterstützt", erzählt Jana Tchabana. Und die Jüngere sei mit 18 schwanger geworden und dann ebenfalls ausgezogen. Auch ihr hat sie unter die Arme gegriffen. "Und auch Kai werde ich unterstützen, so gut es eben möglich ist."

Print-Artikel erschienen am 10. Mai 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-9