Wären da nicht die kräftigen Farbspritzer von Orange bis Bordeauxrot, die Männer würden in der kommenden Herbst- und Winter-Saison in ein Meer aus Schwarz und Grau, manchmal noch Beige oder Dunkelblau getaucht. Das war einer der augenfälligsten Trends bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für Männermode. Zahlreiche Häuser griffen dabei auf diesen Kniff zurück, eine starke, aber allzu klassisch-diskrete und traditionelle Linie zu durchbrechen mit originellen Farbdetails oder überraschenden Hinguckern, die das Ensemble aufpeppen und doch tragbar belassen. Als Farben der Saison lassen sich neben den dunklen Tönen von Anthrazit über Braun und Marineblau bis Schwarz definitiv Rot, Orange und Senfgelb ausmachen, auch wenn sie nicht bestimmend bleiben, sondern Zusatz - aber doch unerlässlicher Zusatz. Zweifarbigkeit ist en vogue, wie beispielsweise bei Jean-Paul Gaultier die Kombinationen Violett-Schwarz oder auch Gold-Schwarz.

- © © WWD/Condé Nast/Corbis
© © WWD/Condé Nast/Corbis

Bei seinem spektakulären Défilé schickte der experimentierfreudige französische Modedesigner Abenteurer und Spione über den Laufsteg, mit langer Haarmähne, im Smoking oder im Taucheranzug, experimentierte mit schmal geschnittenen Trenchcoats und Hemden aus Neopren. Vereinzelt zeigte Gaultier auch noch den Sarouel - in der Gesamtschau aber hat die orientalische Hose mit tiefem Schritt auf Höhe der Knie, die den Körper mit weich fließendem Stoff umspielt, ihren Rückzug angetreten.

Dafür erreichten der schottische Kilt und der Rock für den Mann den Laufsteg - dass sie sich dauerhaft dort halten oder es gar auf die Straße schaffen werden, dürfte dennoch unwahrscheinlich bleiben. Wird die Männermode femininer, wenn sich zugleich die Damenmode in Teilen auf maskuline oder zumindest androgyne Schnitte und diskreten Minimalismus konzentriert? Ein langfristiger Trend ist es wohl nicht, auch wenn Thom Browne sich sogar an Herren-Miniröcke oder auch wallend lange Entwürfe wagte, sowie an hellgraue Kostüm-Kombinationen mit roten Strümpfen und derben Boots an den Füßen, die dann doch wieder etwas Männlichkeit schufen. Daneben zeigte er Hemden mit Puffärmeln, Frack-Jacken oder an den Waden gegurtete Hosen - ein dekadentes, aber einfallsreiches und mutiges Spektakel.

Neben Thom Browne und Gaultier orientierte sich vor allem Kenzo an dem traditionellen Gewand der Schotten und zeigte zudem riesige Rucksäcke im Schottenstil mit großzügigen Karos - große Rucksäcke und Taschen als Accessoires sind generell im Kommen. Der japanische Designer, der es folkloristisch mag und meist mit Blumen, Stickereien und exotischen Details hantiert, schickte seine Models mit Biografie und Persönlichkeit auf den Laufsteg: der rebellische Biker in der sexy Leder-Jacke, der sowjetische Spion, der englische Dandy. Ohnehin präsentierte er sich mit seiner Kollektion very, very british. Die Farbpalette reichte von Braun über Ziegelsteinrot bis Beige, die Schnitte waren präzise und gerade - ob beim Cardigan, der kamelfarbigen Samthose oder der konservativ karierten Jacke. All das könnte fast altmodisch wirken, würden die zurückhaltenden Töne nicht durchbrochen von scharfen Farbnoten wie Orange, Violett, Fuchsia. Allein war er mit der modischen Verneigung vor den Briten nicht, auch Miharayasuhiro ließ sich bei seiner Kollektion vom irischen Poeten Oscar Wilde inspirieren und zeigte eine von Baumwolle und Jersey inspirierte Kollektion.

Auffällig bei einer Reihe Designern war die Arbeit an und mit den Stoffen: Mit präzisen Schnitten und luxuriösem Material von Wolle über Kaschmir bis Samt und Seide gelang dem Briten Kim Jones, der erst kürzlich bei Louis Vuitton einstieg, eine sportlich-elegante Kollektion und damit ein fabelhafter Einstieg. Er zeigte leichte Shirts und Blousons und Anzüge in edlem Jogging-Outfit, die mit ihrem legeren Look sowohl im Büro tragbar sind wie auch im Safari-Urlaub.

Fließende, weit um sich greifende Hosen setzen sich als neuer Trend durch. So zeigte auch Lanvin über futuristisch angehauchten massiven Stiefeln lange und weiche Woll- und Kaschmir-Hosen in Überweite. Auch Givenchy präsentierte einen Flatterlook mit bodenlangen Wickelkleidern, die aus Männern Mönche machen in einer überwiegend düsteren Gothic-inspirierten Kollektion mit grau-schwarzer Farbpalette und viel Leder. Dries Van Noten warf über die fließenden Hosen, denen er teilweise Seitentaschen annähte, einen Dreiviertel-Mantel, der die Lässigkeit des Trägers betonte.

Nicht nur die Hosen werden weit, sondern oft auch die Hemden - wiederum gesehen bei Lanvin. Während das oft sehr lange weiße Hemd in Überweite den Körper umflatterte, ragte darunter ein Rollkragen-Pulli in dunklem Ton wie eine zweite Haut hervor. Mäntel und Jacken waren tailliert und wie bei Louis Vuitton fiel besonders der fein gearbeitete Stoff auf, der zarte Nuancen und strahlende Farbtöne hervorbrachte: klares Grau, pudriges Beige, glänzendes Braun.

Dries Van Noten ging noch einen Schritt weiter und machte aus den weißen Hemden fließende lange Tuniken aus Baumwollstoff und Seide, unter denen er eine beige Karottenhose zeigte. Seine Jacken erhielten einen Pelzkragen oder -revers, wenn sie nicht mit Gold bestickt oder auch mit einem Kimono-Gürtel geschlossen waren. Farbliche Ausrutscher leistete sich der belgische Designer nicht, die Palette blieb im klassischen Rahmen, vom kamelfarbenen Anzug bis zum blauen Hemd mit weißem Kragen, dem glänzenden Parka oder dem sportlichen gestreiften Sweatshirt. Inspiriert von der Mode der 40er und 50er Jahre, ließ er seinen Gentleman mit einem eleganten Mantel und mafiös anmutenden breiten Schultern auftreten.