An der nordöstlichen Spitze des langgestreckten Staatsgebiets von Israel deutet Yair Zedok mit lässiger Handbewegung über die grünen Hügel: "Wir schauen jetzt hinüber nach Syrien, hier fanden viele Kämpfe statt." In der im hellen Sonnenlicht vor Hitze flimmernden Luft wirken die Golanhöhen friedlich und still. Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Ende des Mandats der Engländer und Franzosen wurde 1946 der heutige Staat Syrien gegründet. Zwei Jahre später folgte die israelische Unabhängigkeitserklärung. "Nun stellte sich die große Frage, dürfen die Syrer Wasser aus dem See Genezareth holen?" Tourguide Yair Zedok weiß, dass es in den Konflikten im Nahen Osten nur zu oft um das Wasser geht: "Die Briten legten fest, dass die Syrer nie die Möglichkeit bekommen sollen, Wasser aus dem See Genezareth zu pumpen."

Der Staat Israel gewinnt heute dreißig Prozent seines Trinkwassers aus dem tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde. Syrien erhebt indessen noch immer Anspruch auf den von Israel im Sechstagekrieg eroberten und Anfang der 1980er Jahre annektierten Golan. UNO-Truppen wachen über das umstrittene Hochplateau vulkanischen Ursprungs. Die Sonne scheint, ein freundlicher Händler summt zu den Klängen eines Kofferradios in einem einfachen grüngestrichenen Holzverschlag. Der Händler verkauft hier schon seit über zehn Jahren Kaffee in Pappbechern, Honig, Wein und Golan-Äpfel an Ausflügler. Kaum vorstellbar, dass Israel hier immer wieder beschossen wurde.

Birdwatching im Hula-Tal

Der Norden Israels ist mit vielen Bächen und relativ viel Regen weit wasserreicher als der Süden. Das Hula-Tal, geologisch ein Teil des syrisch-afrikanischen Bruchs, war ein ausgetrocknetes Flussbett, bevor es Wasserbauexperten wieder überflutet und damit zum Schauplatz eines faszinierenden Naturereignisses gemacht haben, zu einem wahren Vogel-Paradies. Israelis sind begeisterte Birdwatcher, und die freudvolle Vogel-Beobachtung ist inzwischen auch schon für viele internationale Reisende zum Motiv für eine Tour durchs Heilige Land geworden. Das Hula-Tal ist für Zugvögel ein wichtiger Rastplatz auf ihrer alljährlichen Migration von Finnland nach Äthiopien und retour. Das sumpfige Gelände bietet zehntausenden von Vögeln für kurze Zeit einen Ort zur Erholung und zur Nahrungsaufnahme. Zudem bilden die vielen Arten von seltenen Pflanzen und Fischen, die in dem einen Quadratkilometer großen See des Hula-Tals leben, ein bedeutendes Naturreservat. Kraniche segeln elegant über die Aulandschaft des Hula-Tals: "100.000 Kraniche fliegen jedes Jahr über Israel, 30 000 von ihnen machen hier im Hula-Tal Halt auf ihrem Flug nach Afrika", erzählt Birdwatcher Rotem Shani, der im Hula-Tal Naturpark arbeitet: "Wir füttern hier die Kraniche, damit sie unsere landwirtschaftlichen Nutzflächen nicht zerstören."

Störche, Pelikane, Kormorane und Reiher zeigen sich bei der spätnachmittäglichen Rundfahrt über die Feldwege des Naturparks. "Auch Wildkatzen und Wasserbüffel leben hier", sagt Rotem Shani, und er macht auf seltene Pflanzen wie Papyrus und Wasserlilien aufmerksam. Die Vögel kreischen laut über dem Naturschutzgebiet, in riesigen Schwärmen erheben sie sich vom feuchten Feld aus zu kurzen Rundflügen, bilden majestätische schwarz-gesprenkelte Formationen am Himmel und landen wieder im breiten Hula-Tal. Die Vögel haben gelernt, ihre Nord-Süd-Route durch dieses Tal zu lenken, als ob sie wüssten, dass in Israel alle Vögel gesetzlich geschützt sind, das Jagen ist streng verboten, anders als etwa im benachbarten Libanon.

Der Wow-Faktor

Die meisten der 40.000 Österreicher, die pro Jahr nach Israel reisen, sind von Land und Leuten begeistert. "Eine Reise nach Israel hat ganz einfach den Wow-Faktor", weiß Yair Zedok, der selbst sieben Jahre lang in Wien lebte, wo heute auch sein Sohn studiert. Fast die Hälfte aller Reisenden kommt nach dem ersten Besuch noch mehrmals in das Heilige Land. Für Touristen ist Israel ein sicheres Reiseland, auch wenn immer wieder an die Gewalt erinnert wird. Auf der Fahrt in den Süden, entlang der Grenze zu Jordanien, hält Yair Zedok an jener Stelle, wo der Fluss Jarmuk in den Jordan mündet, südlich vom See Genezareth. Im Ort Naharayim will er Orna Shimony besuchen. Die beeindruckende Frau mit dem weißblonden Haar ist schon über achtzig. Sie ist groß und hager und arbeitet gerade im Garten, an diesem Ort, der die blutige Geschichte zwischen Israel und Jordanien verdeutlicht.

Leiden und Leben

"1997 kam ein Bus aus Jerusalem in die Hügel, eine Gruppe von achtjährigen Kindern auf Schulausflug, meine Enkelin war auch dabei", erzählt Orna Shimony. Als er die Mädchen sah, stieg ein jordanischer Soldat herunter vom Wachturm und schoss auf die Kinder, von der anderen Seite der Grenze aus dreißig Meter Entfernung. Ein ganzes Magazin schoss er leer ohne zu treffen, das zweite Magazin traf. "Die Mädchen schrieen so, dass der Himmel offen war", sagt Orna Shimony. Sieben Mädchen starben, sie wurden noch in der selben Nacht beerdigt. Je schneller im Judentum eine Beerdigung stattfindet, desto höher ist die Ehre, die den Verstorbenen erwiesen wird. Orna Shimony selbst hat eine Gedenkstätte für die sieben Mädchen geschaffen, im Freien, mit Fotos und Tafeln, die über die Ereignisse informieren. Zudem hat Orna auch eine Stiftung aufgebaut für einen ihrer Söhne, den sie im Krieg gegen Jordanien verlor. Die sechsfache Mutter, zehnfache Großmutter und zweifache Urgroßmutter Orna Shimony ist voller Energie, auch dann wenn sie von den Tragödien in ihrem Leben berichtet. Sie führt hinein in einen hellen, modernen Bau, den sie mit Spenden aus aller Welt erbauen ließ. "In diesem Schwimmbad, mit der großen Gedenktafel für die gefallenen israelischen Soldaten und mit dem überlebensgroßen Bild meines Sohnes Eyal will ich zeigen, wie nahe Leiden und Leben nebeneinander liegen." Hier im Grenzgebiet von Galiläa ruft Orna Shimony zur Versöhnung auf. "Dort wo Juden leben, soll es jüdisches Land sein, dort wo Araber leben, soll es Palästina sein. Wenn wir den Palästinensern Land geben, dann müssen sie mit uns auch einverstanden sein, wenn nicht, dann wollen sie uns ins Meer treiben. Wir haben nur ein Land auf der Welt, und das ist Israel." Orna Shimony betet für einen Kompromiss.

Im Kibbutz Ein Gedi

Nach zwei Stunden Fahrt entlang der jordanischen Grenze ist eine Oase am Toten Meer erreicht, die größte Oase Israels, die ab 1956 in einen der bekanntesten Kibbutzim des Landes verwandelt wurde. Mitten in die Wüste findet sich wenige Meter vom salzigen See entfernt die Ein-Gedi-Quelle, nach der der Kibbutz benannt ist. Ein Gedi ist eine internationale Oase, deutschsprachige Besucher werden von Daniel Thiesse begrüßt. Der studierte Jurist hängte seinen Bürojob in Deutschland an den Nagel, um seinem Partner in das heiße Israel zu folgen, erzählt er bei einem frisch gepressten tiefroten Granatapfelsaft. "Ich hatte Lust, noch mal etwas ganz anderes zu machen," sagt Daniel Thiesse, der, wie sein muskelbepackter Oberkörper deutlich zeigt, seine Freizeit hauptsächlich im Fitness-Raum des Kibbutz verbringt. Das Panorama der sandfarbenen, durch die Sedimentierung gestreift wirkenden Wüstenberge ist phantastisch, der Ein-Gedi-Fluss führt nur wenige Tage im Jahr Wasser. Alles dreht sich hier um die Kunst, mit möglichst wenig Wasser die Wüste zu beleben. Dafür stehen an den gepflegten Wegen durch die kleine Ferien-Siedlung des Kibbutz auch hohe, schlanke, grün bekrönte Palmen. Knallpink blüht die Bougainvillea. Pfefferminze und Salbei duften. Und was macht Daniel Thiesse, wenn er es vor lauter paradiesischer Geruhsamkeit in Ein Gedi nicht mehr aushält? "Ich fahre gerne mal zum Friseur in das palästinensische Ramallah, oder auch eine halbe Stunde von hier nach Jericho, da ist immer etwas los."

Mondän am Toten Meer

Ein Gedi liegt am Toten Meer, doch ein Spaziergang hin zum Wasser könnte tödlich enden. Durch die Austrocknung des Toten Meeresufers haben sich mehrere Meter tiefe Krater gebildet, die nicht zu erkennen sind, da sie von einer hauchdünnen Sandschicht überbrückt werden. Das Tote Meer liegt inzwischen 420 Meter unter dem Meeresspiegel und führt immer weniger Wasser, weil aus seinem Zulauf, dem Jordan, immer mehr Wasser entnommen wird. Auf Nummer sicher gehen Totes-Meer-Touristen im mondänen Ein Bokek, dem mondänen Urlaubsort am Toten Meer. Weiße Hoteltürme mit Balkonen und schönen Pools reihen sich aneinander, die Gänge der Hotels bevölkern in Bademäntel gehüllte Ferienfamilien. Abends wartet das üppige israelische Büffet, mit Humus und Tahina, frischem Gemüse, Salaten und Früchten bis zum Abwinken. Der Aufenthalt im Isrotel von Ein Bokek ist Entspannung pur. Wem es zu mühsam ist, die Straße zum Strand zu überqueren, der wird im Elektrowagen direkt ans Ufer gekarrt. Im Toten Meer geht niemand unter, das Wasser lindert mittels Magnesium, Kalium und Bromiden die verschiedensten Beschwerden. Das trocken-heiße Klima und der strahlend blaue Himmel tragen ihr Übriges zum Wohlbefinden bei.

Alis Wüstentrip

Um solchermaßen überentspannte Israel-Touristen wieder in Bewegung zu versetzen, empfiehlt sich ein Besuch in der legendären Wüstenfestung Masada, oder, was jedenfalls lustiger ist, Alis Wüstentrip von Neve Zohar ins Wadi Lot und weiter ins Wadi Fratim. Ali ist Beduine, er lacht gerne und voller Charme und freut sich seines nicht mehr ganz neuen Landrovers, dessen Pedale er barfuß bedient. Seine Wege in der Wüste kennt der braungebrannte Ali bestens, auf der Ladefläche des Landrovers werden die Wüsten-Besucher auf einer improvisierten Sitzbank durchgerüttelt. Mit spitzen Schreien flehen die Greenhorns Ali an, die Senken langsamer zu durchqueren. Ali stoppt und macht die Wüstenunkundigen auf unscheinbare Wasserstellen aufmerksam, die durch kaum erkennbare winzige Grünpflanzen markiert sind. Ali zeigt versteckte Eingänge in das Innere der Wüste. Manche wagen sich in eine der Höhlen hinein, der Eingang ist niedrig, doch wenn man einmal in der Dunkelheit angelangt ist, bietet die Höhle Schutz gleichermaßen vor der Hitze und der Kälte der Wüste. In der Abenddämmerung rollt der Beduine Ali einen Teppich aus und kredenzt am Wüstenboden gezuckerten Tee und Datteln. "Fünf Datteln sind ausreichend Nahrung für einen Tag", sagt der Wüsten-Mann und blickt beglückt in den blau-rosa Sonnenuntergang.

Kibbutz Sede Boker

Weiter geht es in die Wüste Negev, die immerhin die Hälfte des israelischen Staatsgebietes umfasst. In der wissenschaftlichen Abteilung des Kibbutz Sede Boker forscht Roy Jossef: "Vor etwa 60 Jahren hatte Präsident David Ben Gurion eine Vision, wie man Israel beleben kann. Die Wüste Negev sollte Israel grün machen, langsam wird diese Vision erfüllt." 1952 wurde der Kibbutz Sede Boker errichtet, und berühmt wurde er, als David Ben Gurion mit seiner Frau Paula einzogen. Heute wird die Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen jedes Jahr in der Negev vergrößert.

Der aus dem Schwarzwald stammende Wasserbauingenieur Walter Klemm, der für internationale Organisationen Bewässerungen auf der ganzen Welt durchführt, besichtigt die Anlagen in Sede Boker: "Es ist schon faszinierend, wie diese autonomen Gewächshäuser die Wüste zum Leben bringen, hier wird passiv Wasser produziert, und zwar wird Kondenswasser erzeugt, indem die hohe Luftfeuchtigkeit in dem Gewächshaus genützt wird." Die israelische Firma Netafim erzeugte als erstes Unternehmen weltweit Baukastensysteme zur Tröpfchenbewässerung in ariden und semiariden Gegenden. Voller Energie und Enthusiasmus arbeiten Roy Jossef und sein Team daran, herauszufinden, wie der Negev zum Blühen gebracht werden kann.

Der Ramon Krater

"Hier sehen wir Steinböcke, die in einer Familie leben", Yair Zedok spricht mit leiser Stimme, nur wenige Meter entfernt von den beinahe handzahmen Tieren: "Steinbockfamilien sind etwas sehr Ungewöhnliches, denn meist treffen sich die Steinböcke nur zur Paarung." Die Steinbockfamilie lebt im Ramon-Krater in der Wüste Negev. Der Ramon-Krater ist der größte Erosionskrater der Welt.   Der Negev, ganz ohne natürliche Schatten, mit strahlend blauem Himmel und sengender Sonneneinstrahlung stellt sich aus menschlichem Blickwinkel als ausgesprochen lebensfeindlich dar, bei näherer Betrachtung entpuppt sich die steinerne Riesenfläche  des Ramon-Kraters jedoch als ideale Umgebung für Wildtiere.
Der Ramon-Krater beherbergt rund vierzig verschiedene Arten kleiner Wüstentiere, von nicht giftigen Schlangen über verschiedene Nagetiere, Stachelschweine, Eidechsen, Skorpione, Schildkröten bis hin zu Dorkasgazellen. Zur Erkundung dieser einmaligen Fauna in ihrer bevorzugten Umgebung werden für die Reisenden fachgerechte Führungen entweder zu Fuß, mit dem Mountain-Bike oder per Geländewagen angeboten.

Am Rande des Kraters, in der Stadt Mitzpe Ramon, befindet sich das Besucherzentrum, in dem umfangreiche Informationen zum Krater und  dessen Geschichte von der Urgeschichte bis zur Neuzeit zu finden sind, ebenso wie Produkte aus den Kibbutzim in der Wüste Negev. Die pensionierte Biologin Efrat Leibrock empfängt Krater-Besucher in der Bio-Ramon-Krater-Station. In dem kleinen Erlebnispark erklärt Efrat Leibrock jeden Vormittag anhand einer Auswahl von Tieren, was genau denn im Krater so kreucht und fleucht und wie wichtig es ist, auf das biologische Gleichgewicht im Ramon-Krater zu achten: "Israel ist so ein kleines Land, dass hier jede neue Straße und jede Siedlung die Natur beeinträchtigen."

Schildkröten aus der Wüste Negev waren zum Beispiel, als Efrat Leibrock noch ein Kind war, in den Anfängen des Staates Israel für die meisten Familien das klassische Haustier. Heute sind die knuddeligen Kriechtiere rar, sie werden streng geschützt und es ist in Israel verboten, Schildkröten als Haustiere zu halten.

Erschienen im Wiener Journal vom 18. April 2014