• vom 22.02.2005, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 08.04.2005, 17:07 Uhr

Widerstandskämpfer J. Landgraf spricht vor Schülern

Im Namen des Deutschen Volkes zum Tode verurteilt




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Von Katharina Schmidt

  • Im Sommer 1941 war Josef Landgraf 17 Jahre alt und Schüler am "Landstraßer Gymnasium" in der Kundmanngasse. Gegen die braune Infiltration seiner Schule gründete er eine Widerstandsgruppe und verteilte bis zu seiner Verhaftung im September 1941 mehr als 100 Flugblätter gegen das Regime. Vergangenen Freitag sprach der heute 80-Jährige mit Schülern des Gymnasiums und der "Wiener Zeitung" über seine Erlebnisse.

Man könnte eine Stecknadel fallen hören im großen Festsaal des Gymnasiums in der Kundmanngasse. Dabei ist der Raum fast bis auf den letzten Platz mit den Schülern der vier vierten Klassen des Hauses besetzt. Auf dem Podium erzählt Josef Landgraf gerade von dem deutschen Komiker Stephan Raab: "Wenn Raab die Witze, die er in seinen Fernsehsendungen immer wieder über Politiker erzählt, zwischen 1938 und 1945 gemacht hätte, dann wäre er schon verhaftet worden."


Landgraf wurde verhaftet, weil ein Mitschüler ihn beim Direktor der Kundmanngasse verpfiffen hatte. Dieser, ein überzeugter Nationalsozialist der ersten Stunde, zeigte ihn am 20. September 1941 bei der Gestapo an. "Ich nehme ihm das nicht übel, er war halt verblendet", verblüfft Landgraf seine Zuhörer.

Ein unpolitisches Kind

"Meine Eltern haben sich für Politik überhaupt nicht interessiert", meint Landgraf. Auf die Frage der "Wiener Zeitung", wie er dann zum Widerstand gekommen sei, antwortet er, dass dafür wohl verschiedene kleinere Ereignisse verantwortlich gewesen seien. So habe der Musikbegeisterte nach dem "Anschluss" 1938 im "Reichsfunk" eine tolle Band gehört. Am nächsten Tag hieß es dort, die Musiker dürften nicht mehr auftreten, weil sie über die Reichsregierung gewitzelt hätten.

"In mir ist letzten Endes der Widerstand erwacht, also habe ich begonnen, Flugblätter zu schreiben." Auf den Zetteln standen Aufrufe wie dieser: "Wie lange noch wollt ihr, dass man fremde Länder überfällt". Gemeinsam mit seinen Mitschülern Anton Brunner, Ludwig Igalffy und Friedrich Fexer verteilte Landgraf die Flugblätter in der Schule und verschickte sie per Post an befreundete Nazi-Gegner.

Endstation "Köpflertrakt"?

Nach seiner Verhaftung landete Landgraf zunächst im Gestapo-Gefängnis am Morzinplatz, "dort hat mir einer auf's Ohr gehaut, seither höre ich links nichts mehr". Am 28. August 1942 machte ein "fliegender Senat" des Berliner Volksgerichts der "Gruppe Landgraf" den Prozess. Landgraf und Brunner wurden wegen "landesverräterischer Begünstigung des Feindes in Verbindung mit Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Igalffy und Fexer kamen mit Gefängnisstrafen davon.

Im "Köpflertrakt" des Wiener Landesgerichts musste Landgraf 406 Tage auf seinen Tod warten, bevor das Urteil durch die Intervention von Görings Ehefrau - eine Bekannte der Ärztin seiner Mutter - in eine siebenjährige Gefängnisstrafe umgewandelt und er in das Kaiser-Ebersdorfer Jugendgefängnis überstellt wurde. Dort traf er auch Anton Brunner wieder, der 1943 in einem Wiederaufnahme-Verfahren begnadigt worden war.

Zweite Republik: Kein Platz für Widerstandskämpfer ?

Nach der Befreiung durch die Russen im Jahr 1945 war Landgrafs Weg zurück ins Leben voller Hindernisse. Trotz amtlicher Bestätigung, die seine "Vorstrafe" null und nichtig machen sollte, blieb er lange Zeit arbeitslos. "Für einen Widerstandskämpfer war nach dem Krieg nichts zu holen. Ich habe extra auf die Polizei gehen müssen, um das Urteil stornieren zu lassen, von selbst hätte der Staat nichts unternommen", erklärt Landgraf gegenüber der "Wiener Zeitung". Während ehemalige Nazis nach der "Minderbelasteten-Amnestie" 1948 freudig in die großen Parteien aufgenommen wurden, war für aktive Regime-Gegner kein Platz in Politik und Gesellschaft der Zweiten Republik.

Auf die Frage, ob er nach seinen Erlebnissen wieder in den Widerstand gehen würde, antwortet Josef Landgraf resigniert: "Heute weiß ich, dass etwa 80 Prozent der Flugblätter direkt bei der Gestapo gelandet sind. Wenn ich sehe, dass die Mehrheit sowieso dem Hitler auf den Leim gegangen ist, hat es ja keinen Sinn." Auch wenn er im Nachhinein an seinem Unternehmen zweifelt, hat Landgraf die Hochachtung seiner Zuhörer.

Für den heutigen Direktor der Kundmanngasse, Wolf Peschl ist Faschismus ein Dauerthema: "Die Geschichtslehrer klären frühzeitig auf, auch der persönliche Kontakt ist wichtig", meint Peschl gegenüber der "Wiener Zeitung" - ein wichtiger Schritt gegen den Faschismus, der jederzeit wieder aus der Versenkung auftauchen könne.



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Dokument erstellt am 2005-02-22 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 17:07:00


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