• vom 29.03.2004, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 22.03.2005, 10:44 Uhr

Auf der Bühne, in der Manege, auf der Filmleinwand - Clowns im ewigen Kampf gegen die Obrigkeit

Von tragikomischen Rebellionen




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Von Gerhard Eberstaller

  • In den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begannen sich Narren, Clowns und Pantomimen voll Vitalität in einer immer bunter werdenden Szene zu präsentieren. Von der Rebellion der 68er-Generation angesteckt, richtete sich ihr Agieren vor allem gegen als überkommen empfundene Konventionen und hierarchische Strukturen.

Eine Vielfalt von Darstellungsformen entstand, die sich als Gegenbewegung zum traditionellen Theater verstanden, die vom Primat des gesprochenen Wortes abgerückt waren und statt dessen Mimik, Pantomime, Tanz, Artistik, Wortmusik, Bewegungsrituale als gleichwertige Elemente ansahen. Straßentheater, Mitmachtheater, neue Formen des Tanztheaters und des Kindertheaters, Multimediatheater und Happening sind ebenso Bestandteil dieser neuen Freien Szene wie die Aktionen der Clowns und Fools, die bei allen inhaltlichen und formalen Neuerungen auf eine große Tradition zurückgreifen.


Zu dieser Tradition gehört u. a. das Elisabethanische Theater. Die Rüpelszenen der Handwerker in Shakespeares Sommernachtstraum sind ein geradezu klassisches Beispiel für Clownentrees. Zur Tradition zählt im besonderen auch die commedia dell' arte, die als eine die Zeit reflektierende Theaterform Aufmüpfigkeit gegen staatliche und kirchliche Konventionen demonstrierte und soziale Spannungen und Auseinandersetzungen satirisch und mit viel Tempo und Farbe auf die Bretter brachte.

Der Amerikaner Jango Edwards, Kind der Love und Peace Generation, gilt als der große Kultclown der 70er Jahre. Zusammen mit seiner Gruppe "Friends Roadshow" feierte er viele Jahre lang wahre Triumphe. Giftsprühend, voll hinterhältigem Witz, fallweise recht obszön, attackierte er mit schwarzem Humor die Normen und Verhaltensweisen der Leistungsgesellschaft. Es waren rasante fetzige Shows, voll skurriler Gags, die eine ausgezeichneten Rock-Band unterstützte.

Als Anfang der 80er Jahre Alf Kraulitz mit seinen Clownfestivals in einer Zeltstadt auf der Jesuitenwiese im Prater die weitgehende Pluralität der Szene zeigte, waren Edwards and friends umjubelte Gäste. Die Foolsbewegung, als deren Erfinder Edwards gilt, brachte in ihrem Umkreis zahlreiche Polit-Rock-Ensembles hervor.

Der Theaterwissenschaftler Siegfried Melchinger hat über die Aufstände der Spaßmacher geschrieben und als die relevantesten Epochen das antike Griechenland, Italien im 16. und 17. Jahrhundert und die Zeit knapp nach 1900 genannt. Die Jahrhundertwende brachte in der Tat eine überaus vitale Renaissance der Lustigen Person, die sich in allen Künsten widerspiegelte. Eine lustvolle Revolte, die sich gegen überkommene Konventionen und die in ihnen gefangenen Menschen, auch gegen rationales und rationelles Handeln, richtete. Freud hat in "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" dargelegt, dass die Lust am Unsinn ihre Wurzeln in dem Gefühl der Freiheit hat, das uns überkommt, wenn wir einmal die Zwangsjacke der Logik ablegen können. Es war auch eine Revolte gegen die Obrigkeit, im besonderen gegen Reste des Polizeistaates, der alsbald in seinen verschiedenen Farben in verheerender Gestalt wieder hereinbrechen sollte, und gegen das, was als Auswuchs des kapitalistischen Systems verstanden wurde.

Charlie Chaplin, den wir aus Streifen wie "Gold Rush", "The Circus" oder "City Lights" als Vagabunden mit der Seele eines Gentleman kennen, befindet sich immer wieder im Clinch mit dieser Obrigkeit. In "Modern Times", dieser grandiosen Satire auf die totale Eingliederung des Einzelnen in den Produktionsprozess, wird Charlie zum willenlosen Teil der Apparatur. Aber er rebelliert und hält seine beiden Schraubenzieher wie Hörner an den Kopf, tanzt wie ein Faun und hüpft durch die Fabrik auf die Straße, um dort mit den Schraubenziehern an den Knöpfen des Kleides einer Passantin herum zu hantieren.

Film, Circus und Varieté waren die Stätten, an denen Clowns ihre größte Rolle spielten. Manche der großen Filmkomiker, die den Sprung auf die Leinwand von der Varietébühne aus getan hatten, erinnerten sich ihrer Varietévergangenheit viefach auch in ihren Filmen. Wie etwa die Marx Brothers.

Als im Zuge der 68er Bewegung die Sorbonne mit der Wandschrift "Es lebe der Marxismus" geschmückt wurde, schrieben einige Studenten darunter: "Groucho, Harpo, Chico und Zeppo". Und das passte irgendwie. Denn im Unterschied zu manch anderen der großen Filmclowns, die als Opfer ihrer Umwelt agieren, verhält es sich bei ihnen umgekehrt - sie attackieren ihre Umgebung mit geradezu dämonischer Aggressivität. Immer wieder finden sich in ihren Filmen Reminiszenzen an ihre Varieté-auftritte, vor allem in den eingebauten Musikalclownerien. Am stärksten bei Harpo, dem kleinen Stummen mit der Lockenpracht, der versonnen auf der Harfe spielt, der aber auch Handschuhe melkt, den Inhalt von Tintenfässern trinkt und Telephone verspeist.

Auch W. C. Fields, der schnapsnasige bullige Misanthrop, der sich hemmungslos zu seiner grimmigen Bosheit bekennt, lässt in einigen seiner Filme seine Varietévergangenheit als komischer Jongleur kurz aufleben. Fields war übrigens seinerzeit in Wien im Varieté Apollo aufgetreten.

"Grock, der größte Clown der Welt" konnte man Jahrzehnte hindurch auf Plakatsäulen in vielen Ländern lesen. Als er im Jänner 1925 mit seinem vergnügtem Lächeln, in seinem karierten Rock und seiner karierten Hose, der Glatzenperücke, den weißen Handschuhen und den ausgelatschten Schuhen die Bühne des Ronacher betrat, war er längst zu einer lebenden Legende geworden. Grock, der, wie Alfred Polgar schrieb, seine äußerste Ungeschicklichkeit durch äußerste Geschicklichkeit kompensierte, besiegte letzten Endes die widerspenstige Materie, was er mit seinem berühmten "Nit möööglich!" quittierte.

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Dokument erstellt am 2004-03-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-22 10:44:00


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