• vom 28.10.2002, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 06.04.2005, 14:42 Uhr

Wiener Memorabilien

Die Feuerbestattung in Wien




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

Zu jener Zeit, als man in Wien daran ging den Zentralfriedhof zu errichten (Beschlussfassung im Gemeinderat am 7. Dezember 1866; Eröffnung am 1. November 1874), brachten die Anhänger der Hygienebewegung auch die Möglichkeit einer Feuerbestattung ins Gespräch.


Nachdem in der Antike und im Frühmittelalter auch hierzulande Leichenverbrennungen üblich gewesen waren, hatte Karl der Große im Jahr 785 ein generelles Verbot dieser Bestattungsform verfügt. Ab dem 9. Jahrhundert war man in ganz Europa zur Erdbestattung übergegangen.

Dass die Erdbestattung im christlichen Abendland von nun an über viele Jahrhunderte die einzige Bestattungsform blieb, hängt vor allem mit der Vorstellung von der "Auferstehung des Fleisches" zusammen, zumal diese Art der Beisetzung den Gedanken eines schlafähnlichen Todes - mithin die Erwartung der Auferweckung am jüngsten Tage - eingab.

Als im 18. Jahrhundert in Europa vereinzelt Adelige ihre entseelten Körper wieder verbrennen ließen, sorgte dies immer wieder für großes Aufsehen. Am Ende dieses "aufgeklärten" Säkulums setzte sich in unterschiedlichen Gelehrtenkreisen die Meinung durch, die Feuerbestattung sei aus hygienischen Gründen der Erdbestattung vorzuziehen. Allerdings gab es zu dieser Zeit noch keine geeignete Verbrennungsmethode, um die Idee großmaßstäblich umzusetzen.

1872 konstruierte Lodovico Brunetti, Professor für pathologische Anatomie in Padua, einen "Leichenverbrennungs-Apparat", der 1873 bei der Weltausstellung in Wien gezeigt wurde. Jedoch stellte sich heraus, dass sein Verfahren weder den ästhetischen noch den technischen Erfordernissen entsprach. Indes hatte der deutsche Erfinder Friedrich Siemens schon bei der Pariser Weltausstellung 1867 einen Ofen mit patentiertem "Regenerativ- und Gasfeuerungssystem" vorgestellt. 1873 traten Hygieniker an die Gebrüder Siemens mit der Anregung heran, die Regenerativfeuerung auch für die Leichenverbrennung zu verwenden.

Ein Jahr später fand in Dresden eine Probeverbrennung eines Pferdekadavers in einem Siemensofen statt, an der auch der Wiener Stadtphysikus Dr. Innhauser und ein Beamter des Wiener Bauamtes teilnahmen. Obgleich das erzielte Resultat von den beiden Herren als positiv beurteilt wurde und diese auch einen Kostenvoranschlag mitbrachten, wurde die Einführung der fakultativen Leichenverbrennung im März 1875 vom Wiener Gemeinderat abgelehnt. Nichtsdestotrotz stellte die Firma Siemens in ihrer Wiener Verkaufsniederlassung am Opernring das Modell eines Leicheneinäscherungsofens aus, das Interessierte dort besichtigen konnten.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-10-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 14:42:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Metaller legen Arbeit nieder
  2. "Die Zeichen stehen auf Sturm"
  3. Als sich die Völker abmeldeten
  4. Porno Nationale
  5. Wegfall der Notstandshilfe betrifft 121.000 Arbeitslose
Meistkommentiert
  1. "Österreichs Ausstieg ist dümmlich"
  2. UNO-Migrationspakt ohne Österreich
  3. Kurz verteidigt Entscheidung nach Kritiks Van der Bellens
  4. "Österreich findet sich jetzt in einer Gruppe mit Trump, Orban"
  5. "Nicht leichtfertig aufs Spiel setzen"

Werbung




Werbung