• vom 09.09.2002, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 06.04.2005, 14:46 Uhr

Mehrere städtische Obdachlosenheime werden geschlossen - in einem davon spielt man zuvor noch Theater

Der letzte Vorhang im Männerheim




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Von Katharina Rauscher

  • Vom "Logierhaus für Männer" über ein Dasein als Militärspital im Ersten Weltkrieg bis hin zur Theaterkulisse - in den fast 100 Jahren seit seiner Eröffnung hat das Männerheim Meldemannstraße viele Zwecke erfüllt. Es ist Zeuge und Schauplatz zahlloser Geschichten und Schicksale geworden und mittlerweile selbst ein Stück Wiener Lokalgeschichte, obwohl - oder vielleicht gerade weil - es nicht immer den besten Ruf genossen hat. Bald wird man jedoch von dieser berühmt-berüchtigten Institution Abschied nehmen müssen, denn im kommenden Frühjahr wird das Heim für immer geschlossen und seine Bewohner anderweitig untergebracht. Zuvor wird das Haus aber noch zum Schauplatz einer Theaterproduktion, an der auch Heimbewohner mitwirken.

Der ältere Herr im Ruderleiberl ist aufgebracht: Er hätte eine Frauenrolle spielen sollen, erzählt er, noch dazu in Kleid und Schürze - das war ihm dann doch zuviel des Guten. Umringt von seinen Nachbarn berichtet er, wie er kurz zuvor mit einem empörten "Mit mir net" die Theaterproben verlassen hat. Der danebenstehende Herr Kurzbauer, ehemaliger österreichischer Staatsmeister im Tischtennis, nickt verständnisvoll, während ein Beistehender intensiv versucht, sich an seinen Text zu erinnern.


Ungewohnte Szenen, die sich derzeit in der Meldemannstraße in Brigittenau abspielen.

Als das Männerheim im Oktober 1905 eröffnet wurde - damals hieß es noch offiziell "Männerheim der Kaiser Franz Joseph I. Jubiläums-Stiftung für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen" - galt das Haus als Vorzeigeprojekt. Vor allem die Sanitäreinrichtungen waren für damalige Verhältnisse richtungsweisend. Der Kaiser machte sich kurz nach Eröffnung des Hauses selbst ein Bild und äußerte sich lobend über die "vorbildliche Unterbringung der Insassen". Danach hat sich allerdings jahrzehntelang wenig bis gar nichts getan. Heute sind die damals als luxuriös geltenden Waschgelegenheiten überholt und entsprechen in keiner Weise mehr dem heutigen Mindeststandard. Eine Generalsanierung des Hauses sei einfach zu kostspielig und daher nicht rentabel, so Hausleiterin Monika Wintersberger beim Lokalaugenschein der "Wiener Zeitung". Auch wenn die berüchtigten Massenschlafsäle nicht mehr existieren, ist ein Leben unter solchen Bedingungen wohl niemandem zuzumuten: Auf schier endlosen Gängen reiht sich eine winzige Zelle an die nächste. Getrennt sind die etwa drei Quadratmeter "großen" Kabinen nur durch dünne Wände, die zum Teil aus Metallgittern bestehen. Vor Geruchs- oder Lärmbelästigung durch den Nachbarn ist hier niemand gefeit. In der Luft liegt eine interessante Mischung aus Entlausungsmittel, Alkohol und diversen Körpergerüchen. Dennoch scheinen sich einige der Heimbewohner hier so wohl zu fühlen, dass sie schon seit Jahrzehnten hier logieren und keinerlei Bestreben zeigen, diesen Umstand zu ändern.

Gerade das wird ihnen aber nicht erspart bleiben, so Wintersberger: "Die Übersiedlung in das neue Haus in der Siemensstraße beziehungsweise in verschiedene Seniorenwohnhäuser bedeutet natürlich eine große Umstellung, gerade für diejenigen, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Wir versuchen aber, für jene Bewohner, die wir als selbständig und motiviert erachten, schon vor der Übersiedlung kleine Gemeinde- oder Privatwohnungen zu finden."

Leicht sei das nicht, meint Sozialarbeiter Bernhard Litschauer, denn 50 Prozent der Heimbewohner sind über 60 Jahre alt. Obwohl der Großteil davon das Potenzial hätte, alleine auszukommen, haben viele Angst vor einem Neubeginn. "Während ihrer Jahre hier im Heim haben viele der Herren kleine Wohngemeinschaften gebildet - man kocht zusammen, geht gemeinsam zum Arzt oder ist einfach füreinander da, wenn jemandem nach reden zumute ist", so Litschauer. Die Angst vor dem Alleinsein in der eigenen Wohnung ist verständlicherweise groß. Von denjenigen, die den Schritt schon gewagt haben, ist aber noch keiner zurückgekommen, vermerkt der Sozialarbeiter nicht ohne Stolz.

Früher gab es nicht viel Anlass dazu, auf das Männerheim stolz zu sein. Erst in den letzten beiden Jahren ist es zu merkbaren Verbesserungen gekommen, was nicht zuletzt an Umstrukturierungen innerhalb der zuständigen Magistratsabteilung liegt. Seit etwa zwei Jahren ist nun die Magistratsabteilung 12, Wien Sozial, für das Heim zuständig. Seit diesem Zeitpunkt wurden immer wieder Reformen und Änderungen vorgenommen, wie etwa das Resozialisierungsprojekt.

Wunschziel Resozialisierung

"Früher hat man einfach immer mehr Leute aufgenommen, aber nicht versucht, sie zu motivieren, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern", erklärt Wintersberger. Daher leben auch viele der meist älteren Heimbewohner schon seit Jahrzehnten im Männerheim leben. Die Heimleitung befindet sich in einem Zwiespalt: Einerseits sollen sich die Männer idealerweise nur so kurz wie möglich im Haus aufhalten, um schnell wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Auf der anderen Seite soll den Obdachlosen auch das Gefühl gegeben werden, ein "Zuhause" zu haben. Trotz schwieriger Voraussetzungen könne man das Resozialisierungsprojekt als erfolgreich bezeichnen, meint Wintersberger, betont aber gleichzeitig, dass trotz der kontinuierlichen Absiedlung alle Betten des Hauses stets belegt seien.

Sozialarbeit mit Brechstange

Auch an der Administration des Heimes hat sich einiges geändert. Mit Monika Wintersberger wurde eine engagierte Frau mit der Leitung betraut. Ihr zur Seite stehen seit etwa eineinhalb Jahren vier Sozialarbeiter, die das Team von zwölf Betreuern ergänzen. Allerdings war das nicht immer einfach, erinnert sich Litschauer: "Die Heimbewohner haben uns Sozialarbeiter nicht gerade mit offenen Armen willkommen geheißen. Zu Beginn mussten wir in das vorhandene System mehr oder weniger mit der Brechstange hineinfahren." Die Bewohner konnten zu den Sozialarbeitern auch nicht sofort dieselbe Vertrauensbasis aufbauen wie zu den Betreuern, die teilweise schon seit über zwanzig Jahren im Heim tätig sind. Diesen zollt die Heimleiterin großen Respekt: "Die Kollegen mussten diesen 24-Stunden-Job früher vollkommen alleine bewältigen, ohne jegliche Seminare, einschlägige Schulungen oder spezifische Ausbildung." Der jahrzehntelange Stress habe bei vielen Betreuern aber negative Auswirkungen auf die Gesundheit gehabt, ist Litschauer überzeugt.

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Dokument erstellt am 2002-09-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 14:46:00


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