• vom 13.08.2001, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 06.04.2005, 15:21 Uhr

Kartell der "Ratzler"




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Von Matthias G. Bernold

  • Wr mag schon Ratten? Seit die Wanderratte Anfang des 18. Jahrhunderts angeblich aus Ostindien nach Europa gelangte und in den Kellern und Kanälen der Großstädte ein ideales Umfeld vorfand, hat der Mensch sie - wo immer es ging - bis aufs Blut bekämpft. In Wien besorgen 18 Schädlingsbekämpfer vulgo Ratzler in 78 Rayons die behördlich verordnete Rattennachschau. Für neue Unternehmen, die am Markt mitnaschen wollen, ist da wenig Raum. Ihr Vorwurf: Wien hat ein Rattenkartell.

Es kommt nicht so selten vor, dass Ratten die Abflussrohre hinaufklettern und sich durch das Klosett ihren Weg in die Wohnung suchen", erläutert Schädlingsbekämpfer Paul Peikert, Geschäftsführer der Öko Plan Sanierung OEG. Das geschehe zwar selten und in der Regel nur bei desolaten Häusern, doch die Ratten als hervorragende Taucher und gute Kletterer seien nun einmal sehr findig im Erschließen neuer Futterquellen. Da könne es schon einmal vorkommen, dass eine Ratte, wenn sie der Hunger treibt, durchtaucht und den Toilettenbenutzer gehörig erschreckt.


Wer regelmäßig seine Küchenabfälle in der Toilette entsorgt, sollte wissen, dass er damit den Ratten jedesmal ein Festmahl bereitet. Wählerisch sind die bei uns heimischen Wanderratten - korrekte Artbezeichnung rattus norvegicus - nämlich nicht. Ähnlich dem Menschen sind die sie Allesfresser, auf ihrem Speiseplan stehen bevorzugt Kohlehydrate, doch freuen sie sich auch über fleischliche Nahrung, Vogeleier und Aas. Um ihre Nagezähne, die ständig wachsen, abzuschleifen, müssen sie dauernd an irgendetwas Hartem knabbern. Zur Not muss manchmal auch ein Bleirohr herhalten.

Für hinterhältige Rattenüberfälle aus dem Abort hat Rattenjäger Peikert übrigens ein Abwehrmittel bereit. Der studierte Biochemiker bietet in seinem Unternehmen einen "Häusl-Filter" an: Dieses spezielle Abfluss-Rohr hält die Ratten mit Hilfe einer mechanische Barriere draußen. Mit "Häusl-Filter" und Rattenbekämpfung allein könnte Peikert - wie er eingesteht - allerdings nicht überleben. Die Angebotspalette seines Unternehmens reicht von Bakterien-, Schaben- und Taubenbekämpfung bis hin zu Grünraumgestaltung.

Sogar ein eigenes Labor hat der Unternehmer eingerichtet, in dem an einem neuartigen Gen-Bio-Chip geforscht wird, der künftig die Bestimmung von Mikroorganismen wesentlich erleichtern soll. Warum es in Wien so schwer sein kann, mit Rattenbekämpfung allein Geld zu verdienen, liegt für Peikert auf der Hand: "Wir haben kartellartige Zustände."

Tatsächlich weist das System der Rattenbekämpfung einige "Besonderheiten" auf. Seit 1998 gilt die "Verordnung des Magistrats der Stadt Wien über die Bekämpfung der Ratten in Wien" - und die ist so ziemlich das genaue Gegenteil jeder Form der Marktwirtschaft.

Gemäß §5 der Bestimmung "kann" der Magistrat Schädlingsbekämpfungsunternehmen "unter Festlegung eines zu betreuenden Gebietsteils" mit der Rattenbekämpfung betrauen. Praktisch wurde die Stadt - schon in den 50er-Jahren - in 78 Sprengel unterteilt, die von 18 beliehenen Firmen - darunter in der Mehrzahl Familienbetriebe - betreut werden. Die in der Rattenverordnung vorgesehene "periodische Nachschau" - d.h. die Kontrolle der Liegenschaften, deren Keller und Abwassersysteme im Zwei- bzw. Viermonatsrhythmus - darf nur von besagten 18 Unternehmen durchgeführt werden. Ein neuer Betrieb kommt nur dann zum Zug, wenn ein anderer Unternehmer in Pension geht oder aber der Magistrat dem Rattenfänger den Rayon zwangsweise entzieht. Zuletzt geschah dies - nach Angaben der Innungs-Ombudsfrau Marianne Panek - vor vier Jahren. Welche Unternehmen den freigewordenen Rayon bekommen, bestimmt die MA 15 laut Verordnung "nach Anhörung der Landesinnung Wien der Schädlingsbekämpfer". Daniel Slama, Geschäftsführer einer kleinen Schädlingsbekämpfungsfirma, die seit vier Jahren am Markt Fuß zu fassen sucht, beschreibt die Lage so: "Der Zutritt zum Markt wird durch das Monopol effizient behindert. Wir zahlen Mitgliedsbeiträge an die Wirtschaftskammer, deren Fachgruppenvertreter uns vom Markt fernhalten, anstatt unsere Interessen zu vertreten." Über das Empfehlungsrecht der Innung - so der Biologe, der rechtliche Schritte überlegt - hätten sich die Innungsvertreter Millionenumsätze für ihre privatwirtschaftlichen Unternehmungen erschlossen.

Rayons historisch gewachsen

Tatsächlich finden sich bei den 18 beliehenen Unternehmen immer wieder die selben Namen im Firmenbuch, und viele der Firmeninhaber bzw. Geschäftsführer sind zugleich als Funktionäre bei der Innung tätig: So scheint etwa der Name Singer gleich bei drei beliehenen Unternehmen - Assa Objektpflege GmbH, Singer KG, Meissol Kreindl & Co - auf. Die Ombudsfrau der Innung steht bei zwei beliehenen Unternehmen im Firmenbuch: Der Esol-Jäger- sowie der Streit GmbH. Weitere Unternehmen gehören ehemaligen Innungs-Obleuten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die 18 beliehenen Unternehmen rund zehn Personen/Familien gehören oder zumindest von ihnen kontrolliert werden. Freilich liegt es auf der Hand, dass man keinem Gewerbetreibenden vorwerfen kann, in seiner Innung aktiv zu sein. Panek, die selbst seit 20 Jahren in der Branche tätig ist: "Die jetzige Sprengel-Verteilung beruht noch auf der Einteilung unserer Großväter und sollte damals eine gerechte Verteilung sicherstellen. Sie entspricht zwar nicht in jedem Detail heutigen Gesichtspunkten, aber sie ist sinnvoll."

Innungsmeister Michael Singer versteht die Aufregung nicht: "Wie soll ich denn wen hineinlassen? Damals, als die Verteilung gemacht worden ist, hat's diese Firmen eben noch nicht gegeben. Ich verstehe schon, dass die gerne am Kuchen mitnaschen wollen. Aber ich kann doch niemanden zwingen, dass er seinen Rayon hergibt." Die Situation sei historisch begründet, es handle sich um einen "gewachsenen Firmenstock".

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Dokument erstellt am 2001-08-13 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 15:21:00



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