• vom 26.03.2001, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 27.03.2017, 21:57 Uhr

Kaffeehaus

Das letzte Alt-Wiener Schachcafé




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Von Johann Werfring

  • Wiener Memorabilien

Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses ist aufs Engste verknüpft mit jener des königlichen Spiels in der Donaumetropole. In bestimmten Perioden zumindest! Bereits ab dem frühen 19. Jahrhundert versammelte so manches etablierte Kaffeehaus in seinen Räumlichkeiten eine angesehene Schachszene, welcher sich anno dazumal auch manch berühmter Literat zugehörig fühlte.

Der weltweit bekannteste Wiener Kaffeehausschachspieler war zweifellos Leib Bronstein alias Leo Trotzki, der seine Partien bevorzugt in einem prunkvollen Café in der Herrengasse bestritt. Legendär ist in diesem Zusammenhang der Ausspruch eines hochrangigen österreichischen Staatsbeamten. Auf Gerüchte über den bevorstehenden Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 soll dieser amüsiert erklärt haben: "Wer soll denn diese Revolution anführen? Etwa der Herr Bronstein, der immer im Café Central Schach spielt?"

Als das Reich der Habsburger zerfiel, ging es nicht nur mit den Wiener Kaffeehäusern, sondern auch mit dem Kaffeehausschach rasant bergab und der Zweite Weltkrieg brachte diesbezüglich einen weiteren Verfall mit sich. In den 80er-Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts gab es gerade noch drei Traditionskaffeehäuser, welche unter ihrem Dach eine florierende Schachszene beherbergt haben: das Café Frey, das Café Laudon und das Café Museum.

Übrig geblieben ist lediglich das Café Museum. Zwar gibt es auch heute noch einige weitere Kaffeehäuser, in denen sich ab und zu Schachspieler zusammenfinden; ein täglicher Spielbetrieb wird aber einzig und allein in der Friedrichstraße aufrecht erhalten. Allerdings haben auch die Schachspieler im Café Museum schon bessere Zeiten erlebt.

Bis vor zirka fünf Jahren hatte Schach im "Museum" einen beachtlichen Stellenwert. Das Geschehen spielte sich damals noch im eleganten Spiegelzimmer ab. Vertreter der österreichischen Schachelite gingen dort täglich (mehrmals) ein und aus und jeder internationale Schachmeister, der in Wien zu tun hatte, kannte diese Adresse und stieg dort ab. Neben den Meistern bot das verhältnismäßig kleine Extrazimmer auch Platz für Amateure und Halb-Profis, unter denen sich unvergessliche Originale befanden, etwa der Herr Löffler, welcher zu den Partien unermüdlich pointierte Kommentare beisteuerte. Es ist zu jener Zeit auch beobachtet worden, wie solche Herren in ihrer schachspielerischen Selbstversunkenheit während der Partien den Kaffeelöffel ergriffen und im Aschenbecher umgerührt haben beziehungsweise ihre Zigarette in der halbvollen Kaffeeschale ausdämpften.

Weil das damalige Schachzimmer noch vom Haupttrakt des Café Museum aus einsehbar war, stellte es auch für ganz "normale" Kaffeehausbesucher eine interessante Attraktion dar – einige Gäste bezeichneten es sogar als "Panoptikum". Die Schachspieler hatten in ihrem Extrazimmer einen eigenen Mikrokosmos ausgeprägt, weshalb dort so manche Verhaltensweisen vom üblichen Standard erheblich abwichen und infolgedessen auf Außenstehende äußerst exotisch wirkten. Bei den "Blitzpartien" – beide Seiten hatten dabei pro Spiel je 5 Minuten Bedenkzeit zur Verfügung – warfen die Opponenten einander unaufhörlich Kampfsprüche an den Kopf. Die dem Zimmer zunächst sitzenden Kaffeehausgäste konnten nur einen geringen Teil davon entschlüsseln, denn die Spieler hatten im Laufe der Jahre eine ziemlich eigentümliche Sprache entwickelt. Da die Blitzpartien jeweils um einen Geldeinsatz von 5 Schilling gespielt wurden, kam es mitunter auch zu harten Wortgefechten. Einmal sind bei einer hitzigen Auseinandersetzung im Schachzimmer sogar Sessel durch die Luft geflogen, aber das war ein extremer Ausnahmefall.

In den 80er- und 90er-Jahren wurde das Geschehen im "Museum" von einer verschworenen Kellnerpartie beherrscht, welche die Kaffeehausbesucher – insbesondere die Schachspieler – überaus selbstherrlich bevormundet hat. Besonders unangenehm aufgefallen ist ein bullig wirkender Ober, der den "bösen Blick" hatte und von den Gästen "Fremdenlegionär" genannt wurde - hinterrücks, versteht sich! Ob er vor seinem Dienstantritt im "Museum" tatsächlich bei der berüchtigten französischen Söldnertruppe mitgekämpft hat oder aber von den Stammgästen bloß wegen seiner grantigen Wesensart mit dem wenig schmeichelhaften Namen bedacht worden ist, konnte nie geklärt werden. Jedenfalls hatte er eine ganz spezielle Serviertechnik entwickelt: Wenn er das silberne Tablett auf den Tisch stellte, so versetzte er diesem im letzten Moment einen kurzen, kaum merklichen Ruck, wodurch das Getränk leicht überschwappte. Und wer diese Tücke nicht kannte, lief Gefahr, beim Trinken einige – nunmehr außen am Glas befindliche – Tropfen auf seine Kleidung zu bekommen, was besonders bei Rotwein ärgerlich sein konnte. Glücklicherweise befand sich unter den Kellnern auch ein Herzensmensch, ein Burgenländer mit Original-Wiener-Schmäh übrigens, der auch für die Schachspieler etwas übrig hatte.

Gegen Ende der 90er-Jahre tauschte der Kaffeehausinhaber sämtliche Kellner aus. Ungefähr zeitgleich verlegte er das Schachzimmer in das ehemalige, fensterlose Billardzimmer nächst der Toilette und reservierte das Spiegelzimmer für Nichtraucher. Die Spieler haben daraufhin eine "Petition" bei der Geschäftsleitung eingebracht und darin um Rückverlegung ersucht. Nachdem diese Bitte jedoch abgelehnt wurde, wanderte das Spitzenschach ab.

Heute fristen fast ausschließlich Amateure im unattraktiven, extrem verrauchten, ganz und gar unköniglichen Zimmer ihr schachliches Dasein. Manche der früheren Gäste schauen zwar auch heute noch ab und zu vorbei, allerdings bloß für ein Stündchen, weil die Luftqualität für ein längeres Verweilen unerträglich ist. Andere bleiben wegen der ungesunden Raumatmosphäre gänzlich aus.

Die Spitzenspieler, welche bedauern, dass es jetzt in Wien kein echtes Schachzentrum mehr gibt und infolgedessen Probleme für den österreichischen Schach-Nachwuchs befürchten, hoffen immer noch, dass sich der Besitzer eines Besseren besinnt und ihnen einen anderen Raum zuweist. Es wäre ihnen zu wünschen – alleine schon wegen der guten alten Tradition!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-03-26 00:00:00
Letzte Änderung am 2017-03-27 21:57:23

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