• vom 19.03.2001, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 27.03.2017, 21:44 Uhr

Wiener Memorabilien

Café Museum alias "Café Nihilismus"




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Von Johann Werfring


    Das 19. Jahrhundert war das Goldene Zeitalter der Wiener Kaffeehauskultur, welche ihren Höhepunkt zweifellos im Fin de Siècle erreichte. Die Donaumetropole war damals noch das urbane Zentrum eines gigantischen Gebietes, dessen intellektuelle Kapazität zu einem beachtlichen Teil im Alt-Wiener Kaffeehaus gebündelt wurde.

    Eben zu dieser Zeit – konkret im Jahr 1899 – wurde in der Friedrichstraße ein besonderes Kaffeehaus eröffnet, welches einerseits alle Merkmale vergleichbarer Gastronomiebetriebe aufwies, sich aber andererseits in architektonischer Hinsicht sehr wesentlich von allen übrigen unterschied: das Café Museum. Es gilt als erstes Gesamtkunstwerk des bedeutenden Architekten Adolf Loos.


    Wer das neue Kaffeehaus durch den für diesen Architekturtyp charakteristischen Windfang betrat, konnte alle wesentlichen bis dahin vertrauten Stilelemente vorfinden: die Sitzkassa im Bereich des Einganges, Wandspiegel, Holztäfelung, Tische mit Marmorplatten sowie Billardtische. Ins Auge stach dem Betrachter jedoch sogleich die elegante Schlichtheit, welche der Meister seinem Werk verpasst hatte.

    Loos erteilte mit dem bei der Ausstattung des Café Museum vertretenen Konzept der bis dahin in Wien beliebten ornamentalen Kunst eine klare Absage und erwies sich damit als richtungweisend. "Kaum entstanden, wurde es schon vielfach nachgeahmt", stellte 1931 sein Biograph Heinrich Kulka fest. Alles Überflüssige blieb in der Friedrichstraße gänzlich ausgespart. Die Räume wirkten vergleichsweise hell und kühl und die dominierend eingesetzten Materialien Holz und Messing vermittelten keineswegs – wie andernorts – den Eindruck von überladener Protzigkeit.

    Die Übernahme bestimmter, von Loos im Café Museum gewählter Formen beschränkte sich nicht allein auf andere Kaffeehäuser. Beispielsweise sind die hier erstmals ausgeprägten geraden Füße der Billardtische (anstelle der gedrechselten) alsbald auch weltweit beim Bau von Klavieren verwendet worden; ebenso eroberten die glatten Metallarbeiten binnen kürzester Zeit die unterschiedlichsten Designbereiche. Nachdem sich schließlich auch die von Loos entworfenen mahagonigebeizten Thonetsessel aus Bugholz mit geflochtener Sitzfläche ziemlich rasch größter Beliebtheit erfreuten, konnte Kulka das Café Museum mit Fug und Recht als "Ausgangspunkt für alle moderne Inneneinrichtung" bezeichnen.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2001-03-19 00:00:00
    Letzte Änderung am 2017-03-27 21:44:39

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