• vom 19.12.2000, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 12.06.2016, 03:42 Uhr

Karlskirche

Inkasso in Karlskirche




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Von Johann Werfring

  • Geldnot seit 1713: Nun Eintrittsgebühr
  • Weil es für Kirchenrestaurierungen zu wenig öffentliche Mittel gibt, verlangen die Wiener Kirchenverantwortlichen für den Besuch der Karlskirche Eintrittsgebühr.

Geld regiert die Welt: 40 Schilling kostet hier der Eintritt. - © Dr. Bernd Gross

Geld regiert die Welt: 40 Schilling kostet hier der Eintritt. © Dr. Bernd Gross

Das bedeutendste sakrale Bauwerk des Barock in Wien verdankt seine Entstehung einem Gelübde, das Karl VI. am 22. Oktober 1713 im Stephansdom abgelegt hat. Dort betete der Herrscher um das Erlöschen der Pestseuche in der schwer heimgesuchten Stadt und bekundete, dem Pestheiligen Karl Borromäus eine herrliche Kirche zu bauen, sobald Wien von der "Geißel Gottes" befreit ist.

Auf dem tempelartigen Vorbau ist weithin die Widmungsinschrift sichtbar, die an das kaiserliche Versprechen erinnert: "Vota mea reddam in conspectu timentium Deum" (Ich will mein Gelöbnis erfüllen vor denen, die Gott fürchten). Jene, die Gott fürchten, können dies in der Karlskirche neuerdings nicht mehr kostenlos tun. Seit März wird auf Initiative des "Vereins der Freunde der Karlskirche" mit Billigung der Erzdiözese für den Kirchenbesuch Eintrittsgeld erhoben. Kardinal Schönborn erteilte die Erlaubnis nach langem Zögern.

Aber die beachtlichen Summen für die Renovierung haben letztlich Bedenken des Kardinals zerstreut. Allein für die Restaurierung des großen Kuppelfreskos sind circa 16 Millionen Schilling veranschlagt. 40 Schilling kostet die Besichtigung derzeit; für Gruppen ab sechs Personen ist der Eintritt mit je 30 Schilling festgesetzt und Jugendliche/Studenten erhalten für 20 Schilling Einlass. Der Besuch der Heiligen Messe sowie die Beichte sind auch weiterhin kostenlos. Wer beten will, kann dies gratis in einer beigeordneten Kapelle tun. Und für die Weihnachtszeit (24. Dezember bis 7. Jänner) werden keine Eintrittsgebühren eingehoben, "um allen, die sich auch nur durch das Betrachten großer religiöser Kunst auf das Fest besinnen wollen, den unentgeltlichen Zutritt zu ermöglichen", so die Erzdiözese zur "Wiener Zeitung".

Enttäuscht zeigen sich die Kirchenverantwortlichen über das Ausbleiben finanzieller Mittel von öffentlichen Stellen. Der Erzbischof plant jetzt eine neue Denkmalschutzinitiative.

Das Eintrittsgeld hat bis dato jede Menge Beschwerden ausgelöst. Bei der Mittelaufbringung für die Karlskirche war man im übrigen schon seit eh und je erfinderisch: Die gigantischen Baukosten von 304.000 Gulden hat Karl VI. anno dazumal in erster Linie den Kronländern aufgebürdet. Und weil der Hamburger Pöbel eine Kapelle der österreichischen Gesandtschaft zerstört hatte, musste die Hafenstadt strafweise für die Kirche mitzahlen. Auch heute kommt das Ausland zum Handkuss. Bisher sind 3,5 Millionen Schilling durch Eintrittsgelder aufgebracht worden; den Großteil davon haben Touristen berappt . . .

Print-Artikel erschienen am 19. Dezember 2000
in der "Wiener Zeitung", S. 7.





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Dokument erstellt am 2000-12-19 00:00:00
Letzte Änderung am 2016-06-12 03:42:36

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