• vom 16.02.2010, 18:03 Uhr

Chronik

Update: 16.02.2010, 18:04 Uhr

Verseuchter "Hartberger Bauernquargel": Die Suche nach den Schuldigen hat begonnen

Unheimlich heimischer Käse




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Listeria-Bakterien in Steirerkäse töteten sechs Menschen.
  • Hartberger Firma Prolactal startete Rückholaktion.
  • Deutscher Topfen, holländische Milch: "Was bleibt?"
  • Graz. (rel) Spurenleser und Detektive wie bei der Polizei gibt es bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) keine. Sollte man meinen. Es ist dem Gespür eines ihrer Mitarbeiter zu verdanken, dass der Fall von sechs mit Listeria-Bakterien vergifteten Personen, die Ende 2009 in Österreich und Deutschland gestorben waren, zugeordnet werden konnte. Wie am Montag bekannt wurde, hatte der Mitarbeiter mithilfe von Kassazetteln und Zeugen bewiesen, dass insgesamt 12 Opfer steirischen Sauermilchkäse der Sorte "Hartberger Bauernquargel" konsumiert und kurz darauf eine Infektion erlitten hatten.

Nach der Debatte um Analog-Käse hat Österreich nun einen Listeria-Skandal. Foto: epa

Nach der Debatte um Analog-Käse hat Österreich nun einen Listeria-Skandal. Foto: epa Nach der Debatte um Analog-Käse hat Österreich nun einen Listeria-Skandal. Foto: epa

Für vier Österreicher - betroffen waren ältere Männer im Alter von 57, 61, 84 sowie 88 Jahren - und zwei Deutsche endete die Infektion, die auf den ersten Blick nicht von einer Influenza unterschieden werden kann und bisher noch nie bei Menschen aufgetreten ist, tödlich. Die Erzeugerfirma "Prolactal" startete daraufhin eine breit angelegte Rückholaktion in österreichischen und deutschen Lebensmittel-Geschäften.


Das steirische Unternehmen zeigte sich am Dienstag in einer ersten Reaktion "erschüttert". Die Produktion im steirischen Hartberg bleibe noch solange eingestellt, bis die Ursache restlos geklärt seien, hieß es in einer Aussendung. Prolactal betonte, dass man den Sauermilchkäse seit 50 Jahren produziere und man in der Geschichte der Firma "keinen auch nur ähnlich gelagerten Fall" kenne. Laut Gesundheitsministerium wurde der betroffene Betrieb im vergangenen Jahr zweimal routinemäßig überprüft, im Jänner und im Mai. Dabei wurden keine Überschreitungen von Listeria-Grenzwerten festgestellt.

Lob für die rasche Rückholaktion äußerte indessen Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ). Prolactal habe mit Bekanntwerden der Todesfälle "gut reagiert" und die Nahrungsmittel aus den Regalen genommen, berichtete er dem Ministerrat.

Echter Hartberg-Käse?

Inzwischen ist in Österreich und Deutschland die Suche nach den Schuldigen angelaufen. So wird Prolactal etwa verdächtigt, bereits im Herbst vergangenen Jahres über positive Proben aus ihren Produkten Bescheid gewusst zu haben. Wie ein Informant der APA mitteilte, soll das Unternehmen intern bereits seit Oktober 2009 nach der Kontaminationsursache für die Verseuchung mit Listeria gesucht haben. Vereinzelt sollen die Proben doch über den Grenzwerten gelegen sein. Auch die hygienischen Bedingungen in dem Betrieb seien laut dem Bericht "schlampig" gewesen.

Bei Prolactal wurde dies bis zuletzt dementiert. Dort schiebt man vielmehr die Schuld an deutsche Zulieferer. So hat etwa das Unternehmen zugegeben, für die Käse-Erzeugung keine steirische Frischmilch, sondern (billigeren) Topfen aus dem Nachbarland zugekauft und für die Weiterverarbeitung zum "Hartberger Bauernquargel" verwendet zu haben. Brisant: Die Milch zur Herstellung des deutschen Topfens soll wiederum aus Holland stammen.

Kritik an der Produktionsweise von Prolactal übte am Dienstag daher auch die steirische Landwirtschaftskammer. Sie stößt sich daran, dass in dem Hartberger Käse "kein einziger Tropfen steirischer Milch verarbeitet" wurde - und bangt um den Ruf des Standorts. "Wir wehren uns massiv gegen die Pauschalverurteilungen von steirischem Käse, der aus heimischer Milch unter strengster Hygiene hergestellt wird", sagte Landwirtschaftskammer-Präsident Gerhard Wlodkowski. Jetzt will sich der oberste Bauer für eine eindeutigere Kennzeichnung von Lebensmitteln einsetzen: "Das ist ein Skandal. Was drauf steht, muss auch drinnen sein."

Rücktrittsforderung

Einen Skandal - wenn auch auf anderer Ebene - ortet wiederum der Chef des steirischen BZÖ, Gerald Grosz. Er warf Gesundheitsminister Stöger schlechte Informationspolitik vor. "Ich bin über die Fahrlässigkeit erschüttert", erklärte er und forderte Stöger zum Rücktritt auf. "Was hinter den Kulissen seit Oktober passiert ist, ist Wahnsinn und Vorsatz." Grund: Nach dem ersten Todesfall wegen des durch Listeria verseuchten Käses im Oktober hätte das Ministerium über die Kontrollorgane der Bundesländer den Käse aus den Regalen nehmen und die Konsumenten warnen müssen.

"Wovor hätten wir vor dem 23. Jänner warnen sollen, wenn die Ursache nicht bekannt ist?", konterte Ulrich Herzog, Bereichsleiter für Verbrauchergesundheit im Ministerbüro. Außerdem habe Prolactal von sich aus gewarnt, somit sei das nicht mehr Aufgabe des Ministeriums. Allein für die sechs Todesopfer kam diese Warnung zu spät.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-02-16 18:03:51
Letzte Änderung am 2010-02-16 18:04:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die neuen, höheren Sozialtarife
  2. Lob und Tadel nach einem Jahr
  3. Wien beendet Verfahren zu Doppelstaatsbürgerschaften
  4. Burgenland bei der Mindestsicherung auf Kurs mit dem Bund
  5. Gurker Domkapitel erhebt schwere Vorwürfe
Meistkommentiert
  1. Köstinger bremst Hofer ein
  2. Anordnung für Drasenhofen direkt von Waldhäusl
  3. Juristen sehen "Anwesenheitspflicht" für Asylwerber skeptisch
  4. FPÖ klagt Republik
  5. Regierung erwägt nächtliche "Anwesenheitspflicht" für Asylwerber

Werbung




Werbung