• vom 19.03.2009, 18:59 Uhr

Chronik


Weil Menschen weniger außer Haus essen, werben Wirte jetzt mit dem Motto: Der Gast entscheidet über den Preis

"Zahl´, was das Essen dir wert ist"




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Claudia Peintner

  • Drei Wiener Wirte überlassen es den Gästen, wie viel sie bezahlen.
  • Für die einen ist es ein Krisen-Rezept, für andere eine Weltanschauung.
  • Wien. Es sorgt für ein Schmunzeln in den Gesichtern hungriger Gäste. "Zahlen Sie, was es Ihnen wert ist", steht handgeschrieben mit dunklem Filzstift auf der Speisekarte vor dem "Hollmann Salon". Seit Anfang März bietet das Haubenlokal in der Wiener Innenstadt unter diesem Motto zwei Drei-Gang-Mittagsmenüs an.

Der "Wiener Deewan" gilt mit seinen pakistanischen Curry-Gerichten als Vorreiter der "Zahl-so-viel-du-willst-Philosophie". Ein Wiener Haubenlokal und ein Brauhaus springen auf den Zug auf. Foto: Pessenlehner

Der "Wiener Deewan" gilt mit seinen pakistanischen Curry-Gerichten als Vorreiter der "Zahl-so-viel-du-willst-Philosophie". Ein Wiener Haubenlokal und ein Brauhaus springen auf den Zug auf. Foto: Pessenlehner

Wer das rosa Almochsenfilet und die Schokoknödel verspeist hat, schreibt anschließend auf die Rechnung eine Summe, die er bezahlen möchte. Fix sind nur die Preise für Getränke und die À-la-carte-Gerichte.

"Es ist unsere Reaktion auf die Wirtschaftskrise", sagt der Geschäftsführer Philipp Patzel. "Wir wollten uns nicht wie die Schar an benachbarten Lokalen in eine Preisschlacht stürzen, um neue Kunden zu gewinnen." Das Motto scheint aufzugehen: Um zehn Prozent habe sich die Gästezahl in den Vorwochen gesteigert, berichtet der Hollmann Salon-Geschäftsführer. Unter den barocken Lustern schlemmert nun neben den Geschäftsleuten auch jüngeres, leger gekleidetes Publikum.


Dass das Konzept verstärkt Schmarotzer und Zechpreller in die Genüsse der Haubenküche lockt, glaubt Patzel nicht. Das niedrigste, was ein Kunde jemals bezahlt hat, waren angeblich sechs Euro. "Es ist ein reizvolles psychologisches Spiel. Jeder schaut, was der andere hinlegt - insgesamt kommt eine faire Summe heraus", sagt der Geschäftsmann über die derzeit unbefristete Mittagsaktion.

Kein falscher Handgriff erlaubt

Einfacher ist das Gastrogeschäft durch die "Pay-as-you-wish-Strategie" freilich nicht geworden. Mehr als je zuvor komme es auf die Qualität der Speisen und die Freundlichkeit des Personals an, erläutert Patzel, der natürlich weiß: Jeder Missmut des Gastes könnte sich augenblicklich in der Kassa niederschlagen.

Auch Radomir Mihajlovic kennt dieses Spannungsfeld. Seit März zahlen Besucher von "Radi´s Brauhaus" in Ottakring für das Mittags-Buffet ebenfalls so viel sie wollen. Die Preise für Getränke und Speisen von der Karte bleiben unverändert.

Mihajlovic, der Lokalchef persönlich, steht hinter dem Herd und bereitet täglich österreichische Klassiker - von Gulasch über Backhendl bis zum Mohnstrudel - zu. "Es kamen bereits viele neue Gesichter vorbei, nur um zu schauen, ob die Aktion tatsächlich wahr ist", freut sich der Gastronom mit serbischen Wurzeln.

Die Wirtschaftskrise hat dem vor einem Jahr eröffneten Lokal samt großem Gastgarten und Kinderspielplatz zugesetzt: "Früher bestellten die Gäste mehrere Runden Bier", berichtet Mihajlovic. Darauf werde jetzt des Öfteren genauso verzichtet wie etwa auf die Suppe oder die Nachspeise.

Auch wenn die weitere Entwicklung ungewiss ist, fest steht: Das "Zahl-so-viel-du-willst-Konzept" ist allemal ein bekanntheitssteigernder Marketing-Gag für das Brauhaus, das an der stark befahrenen Gablenzgasse liegt, weit ab von Einkaufsmeilen.

Weder an ein Haubenlokal noch an ein bodenständiges Bierbeisl erinnert der "Wiener Deewan". Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: Die Schlange vor dem Buffet mit Curry-Gerichten lässt es schon erahnen - auch hier bestimmen die Gäste selbst, wie viel sie für das Essen bezahlen.

Nix bezahlen als Mutprobe

"Der Preis ergibt sich aus den Kriterien Menge, Zufriedenheit und Liquidität", sagt Natalie Deewan über ihr Erfolgsrezept. Gemeinsam mit ihrem Mann aus Pakistan eröffnete sie 2005 das Lokal in der Liechtensteinstraße. Weil die zwei Jung-Unternehmer damals gutes und gleichzeitig leistbares Essen anbieten wollten, entstand die "witzige Idee des Zahl-was-es-dir-wert-ist-Konzepts". Das Geschäft läuft mittlerweile so gut, dass sich die Deewans heuer erstmals zwei Monate Urlaub gönnen.

Der Duft nach frisch geriebenem Kardamon und Chili lockt nicht nur junge Gäste an. In den bunten Räumen, die an eine studentische WG-Küche erinnern, treffen sich auch Geschäftsleute und Familien. Immer wieder seien auch ein paar Ausreißer dabei, schmunzelt Deewan. So ist es schon vorgekommen, dass eine Burschen-Gruppe quasi als Mutprobe nichts bezahlen wollte. Ein Auge zugedrückt wurde auch mehrmals bei Rosenverkäufern. "Sie bezahlen manchmal mit einer Rose", so Deewan.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2009-03-19 18:59:29
Letzte Änderung am 2009-03-19 18:59:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Sarah Wiener soll für Grüne bei EU-Wahl antreten
  2. BWSG-Vorstände Haberzettl und Hamerle fristlos entlassen
  3. Ein Duo leitet den Kassen-Umbau
  4. Biomasse-Förderung wird nun Sache der Länder
  5. Bevölkerungswachstum mit Ablaufdatum
Meistkommentiert
  1. Ein nicht abschiebbarer Messerangreifer
  2. Ohne Frauen keine Zukunft
  3. Schützenhilfe für Minister Kickl
  4. Kickl wirbt für leichtere Asylaberkennung
  5. Doskozil legt sich mit Kickl an

Werbung




Werbung