• vom 04.07.2011, 08:59 Uhr

Chronik

Update: 04.07.2011, 15:36 Uhr

Habsburg

Kaisersohn Otto Habsburg verstorben




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  • Er wurde 98 Jahre alt
  • Beisetzung in Wiener Kapuzinergruft am 16. Juli.
  • Online-Kondolenzbuch auf persönlicher Website.

Pöcking/Wien.

Otto Habsburg-Lothringen, ältester Sohn des 1918 entthronten letzten österreichischen Kaisers und ungarischen Königs Karl I. (IV.), Ehrenpräsident der Internationalen Paneuropa-Union und ehemaliger Alterspräsident des Europäischen Parlaments, ist am Montag in den frühen Morgenstunden in seinem Haus in Pöcking am Starnberger See in Bayern im Alter von 98 Jahren verstorben. Er hatte von 1979 bis 1999 als Abgeordneter der bayerischen CSU dem Europaparlament angehört und besaß die deutsche, österreichische und ungarische Staatsbürgerschaft. Seit einem Treppensturz vor zwei Jahren war der ehemalige Kronprinz der österreichisch-ungarischen Monarchie gesundheitlich angeschlagen.

Nach seinem Tod soll er nun nach Wien zurückkehren. Nach einem Requiem im Wiener Stephansdom am 16. Juli werde der Verstorbene in der Kapuzinergruft, der Kaisergruft der Habsburger, beigesetzt, bestätigte Kardinal Christoph Schönborn am Montag in der "Kathpress". Auch die im Februar 2010 verstorbene Frau Habsburgs, Regina, soll ihre letzte Ruhe in der Kapuzinergruft finden.

Information

Im Online-Kondolenzbuch kann man unter Angabe der E-Mail-Adresse der Familie Beileid ausdrücken.

Es seien für den Kaisersohn insgesamt vier Requien geplant, zitierte die deutsche Nachrichtenagentur dpa eine Sprecherin des Hauses Habsburg: Am Samstag in Pöcking, am kommenden Montag in München, am Mittwoch darauf im österreichischen Wallfahrtsort Mariazell und schließlich am Samstag in Wien. Im Anschluss daran würden dann beide Särge in der Kapuzinergruft beigesetzt.

Seit dem Tod seiner Gemahlin Regina im Vorjahr verwitwet, ist Otto Habsburg nach Angaben einer Mitarbeiterin "friedlich eingeschlafen". Der Ehrenpräsident der Paneuropa-Union hinterlässt sieben Kinder, 22 Enkelkinder und zwei Urenkel. Chef des Hauses Habsburg ist sein ältester Sohn Karl Habsburg-Lothringen, der in Österreich lebt. Der Verstorbene war Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen. Zuletzt hatte ihm der französische Präsident Nicolas Sarkozy das Großkreuz des Ordens der Ehrenlegion verliehen. Sein Sohn Karl erklärte zum Tod des ehemaligen Erzherzogs: "Mein Vater war eine überragende Persönlichkeit. Mit ihm verlieren wir einen großen Europäer, der uns in allem, was wir heute tun, über die Maßen geprägt hat."

Otto Habsburg wurde am 20. November 1912 als Sohn von Erzherzog Karl und Prinzessin Zita von Bourbon-Parma in der Villa Wartholz bei Reichenau an der Rax geboren. Taufpate war sein Urgroßonkel Kaiser Franz Joseph. Bei der Thronbesteigung seiner Eltern 1916 wurde er mit vier Jahren Kronprinz der österreichisch-ungarischen Monarchie, die 1918 auseinanderfiel. Im März 1919 ging die kaiserliche Familie ins Schweizer Exil. Auf zwei misslungene Restaurationsversuche in Ungarn folgte die Verbannung nach Madeira, wo Ex-Kaiser Karl am 1. April 1922 starb. Seine Witwe lebte dann mit ihren acht Kindern in Spanien, bevor sie 1929 nach Belgien übersiedelte.

Am 17. Februar 1938 forderte Otto Bundeskanzler Kurt Schuschnigg auf, ihm die Kanzlerschaft zu übertragen und eine Versöhnung mit der unterdrückten Sozialdemokratie zu ermöglichen. Dass Hitler kurz darauf den deutschen Einmarsch in Österreich mit dem Code-Namen "Operation Otto" versah, macht deutlich, welche Gefahr der "Führer" in einem habsburgischen Restaurationsversuch sah. Nach vollzogenem "Anschluss" erließ das NS-Regime einen Haftbefehl gegen den Chef des Hauses Habsburg. Die ehemalige kaiserliche Familie, nach dem deutschen Überfall auf Belgien nur knapp entkommen, flüchtete über Frankreich, Spanien und Portugal in die USA, wo er sich mit großem Engagement für ein unabhängiges Österreich einsetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Habsburger-Gesetze von 1919 wieder in Kraft gesetzt, durch die alle Mitglieder der früheren Dynastie, die sich nicht als getreue Staatsbürger der Republik bekannten, des Landes verwiesen wurden. Österreichischen Boden betrat Otto 1945 in Tirol nur für wenige Stunden. Am 31. Mai 1961 gab er seine Verzichtserklärung ab. Doch der Nationalrat erklärte ihn mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ für unerwünscht. Erst 1966 erhielt Otto Habsburg einen österreichischen Reisepass ohne Einschränkungen. Seine erste Kurzreise nach Tirol am 31. Oktober 1966 führte zu Protesten. Im Mai 1972 schließlich, beim 50. Jubiläum der Paneuropa-Union, erfolgte in Wien der historische Handschlag zwischen dem Chef des Hauses Habsburg  und Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Zahlreiche Bücher zeugen vom emsigen Schaffen des polyglotten Kaisersohnes. 1951 hatte Habsburg - der als deutscher Staatsbürger das "von" führte - in Nancy die deutsche Prinzessin Regina von Sachsen-Meiningen geheiratet. Seit 1954 lebte die Familie in Pöcking am Starnberger See in Bayern. Der Ehe entsprossen zwei Söhne und fünf Töchter.

Im Außenpolitischen Ausschuss des Europaparlaments setzte sich Otto Habsburg für die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs ein und kämpfte für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, für Minderheitenrechte und für eine rasche Osterweiterung der EU nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989. Er war Initiator und Schirmherr des "Paneuropäischen Picknicks" an der österreichisch-ungarischen Grenze, bei dem mehr als 600 DDR-Bürger nach Österreich flüchteten.




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Habsburg


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Dokument erstellt am 2011-07-04 09:01:16
Letzte Änderung am 2011-07-04 15:36:16


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