• vom 07.07.2011, 16:38 Uhr

Chronik

Update: 07.07.2011, 16:55 Uhr

Helmut Elsners Schicksal bewegt Öffentlichkeit

Vom Feudalherren zum bemitleidenswerten Sträfling




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Wien. Helmut Elsner hat sich noch nie ein Blatt vor dem Mund genommen. Vielleicht wegen seiner harten Worte über die Justiz saß der frühere BAWAG-Generaldirektor als einziger der neun Angeklagten im BAWAG-Prozess seit mehr als vier Jahren in Untersuchungshaft. Das Schicksal des früheren Bankers und Rekord-U-Häftlings bewegt jedenfalls seit Jahren die Öffentlichkeit.

Das Bild von Elsner hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Die Bezeichnungen als "Neureicher Aufsteiger" und "Feudalherr" zählten noch zu den netteren, die ihm von der österreichischen Medienlandschaft verpasst wurden. In der Anklageschrift wurde Elsner zusammen mit dem damaligen BAWAG-Aufsichtsratspräsidenten Günter Weninger als "Duett der Macht" tituliert. Der Umgang mit der Macht war für den Banker sicher nicht fremd: Elsner stammt aus bescheidenen Verhältnissen und hatte in der Gewerkschaftsbank eine steile Karriere hingelegt, ganz ohne akademischen Titel.

Helmut Elsner wurde am 12. Mai 1935 in Wiener Neustadt als Sohn einer Kastner&Öhler-Angestellten geboren. Sein Vater war im Krieg gefallen. Er wuchs in Graz auf, wo er die Handelsakademie besuchte. Mit 20 Jahren trat er in eine Filiale der Arbeiterbank ein, wie die BAWAG damals hieß. Elf Jahre später war er deren Filialleiter. 1978 wurde er vom damaligen langjährigen BAWAG-Chef, Walter Flöttl, in die Zentrale nach Wien geholt, wo er im Vorstand für das kommerzielle Großkundengeschäft verantwortlich war. Dort galt er bald als "Flöttls Mann für das Grobe". Erst 1991 trat er in die SPÖ ein, im April 2006 wieder aus. Von 1995 bis 24. April 2003 war er Vorstandsvorsitzender. In seinen fast 25 Jahren als Vorstand prägte er das Institut nachhaltig.

Unnahbar und egozentrisch
Nachgesagt wurde ihm ein "aufbrausender, egozentrischer und unnahbarer Führungsstil", der keinen Widerspruch duldete. Damit wird Elsner wohl nicht der einzige autoritär führende Spitzenmanager in Österreich gewesen sein. Aber sein luxuriöser Lebensstil wurde dem Chef einer Gewerkschaftsbank im Lichte der Öffentlichkeit durch den Prozess dann zum Image-Verhängnis: Das von der BAWAG zum Schnäppchenpreis erworbene Penthouse in der Wiener Innenstadt, seine Villa in Südfrankreich, sein ganzes Privatleben wurde jahrelang durch den Medien-Kakao gezogen. Die politischen Zurufe an die Justiz blieben nicht aus. So forderte etwa im Juni 2006 in einem "OÖN"-Interview der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser - jetzt selbst in der Buwog-Affäre unter den Beschuldigten -, dass angesichts des "schamlosen Missbrauchs" in der BAWAG rasch "ein Exempel statuiert" werden müsse.

Über Elsners autoritäre Art herrscht bei den Beobachtern kein Zweifel, aber eine andere Eigenschaft ist ihm offenbar völlig fremd: Während die anderen Angeklagten durchwegs versuchten, bei der BAWAG-Richterin zuvorkommend und kooperativ zu erscheinen, lieferte sich der Hauptangeklagte immer wieder heftige Wortwechsel mit dem Gericht. "Während Sie abgetanzt haben, habe ich hart gearbeitet", so lautete einer der Vorwürfe des pensionierten Bankers gegen Richterin Claudia Bandion-Ortner. Der späteren Justizministerin sprach Elsner durchwegs die Kompetenz ab, die verhandelten Vorgänge zu verstehen.

Übliche Spekulationsgeschäfte
Die Vorwürfe der Anklage, er habe gegenüber der BAWAG Untreue in Milliardenhöhe begangen, versuchte Elsner oft unter Verweis auf die Praxis in einer Großbank zu entkräften. Die Spekulationsgeschäfte der BAWAG seien nicht riskant, sondern auch bei anderen Banken üblich gewesen. Vergeblich, denn als störrischer Hauptangeklagter hatte er gegen den Mitangeklagten Wolfgang Flöttl, der sich als Kronzeuge der Anklage gegen Elsner andiente, schlechte Karten. Elsner präsentierte sich im 117 Tage währenden BAWAG-Prozess als Sturschädel, der die Verantwortung nie bei sich sehen konnte und wollte. Mit dem erstinstanzlichen Urteil im Juli 2008 - neuneinhalb Jahre Haft, nicht rechtskräftig - wurde ihm die Rechnung präsentiert.

Mit zunehmender Dauer der U-Haft für den herzkranken Elsner stieg auch die Sympathie für ihn. Während die Justiz beim 75-Jährigen lange Fluchtgefahr gegeben sah, mehrten sich die Stimmen, die die Enthaftung forderten. Im Vergleich mit anderen Bankern und Managern, deren Milliardenverluste mit hohen Abfertigungen "belohnt" worden seien, werde mit Elsner übermäßig hart umgegangen, hieß es. Auch die globale Finanzkrise rückte viele Dinge in ein anderes Licht. Wären die Spekulationsverluste etwas später bekannt geworden, hätte es gar keinen Prozess gegeben, wird gemutmaßt. Und auch dass Richterin und Staatsanwalt nie ernsthaft die Rekonstruktion der bei Flöttl verschwundenen BAWAG-Gelder versucht hätten, trägt zur mittlerweile milderen Einschätzung Elsners bei.

Im Mai ließ der Europäische Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) ungeachtet dessen Elsner abblitzen: Der Ex-BAWAG-Chef hatte seine Verhaftung als ungesetzlich dargestellt, was der EGMR jedoch zurückwies. Zuletzt häuften sich Meldungen über eine problematische gesundheitliche Verfassung, Elsner wurde laut einem Zeitungsbericht im Juni ins Krankenhaus eingeliefert.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-07-07 16:48:38
Letzte Änderung am 2011-07-07 16:55:04

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