• vom 27.06.2005, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 27.06.2005, 10:48 Uhr

Pädophilie-Skandal in der kroatischen Kirche




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Von WZ Online

  • Ein Pädophilie-Skandal in einem Kinderheim beginnt die katholischen Kirche in Kroatien zu beschäftigen. Nach langem Schweigen der Oberhäupter nahm am Wochenende der Erzbischof von Zagreb, Kardinal Josip Bozanic, in einer Predigt dazu Stellung.

Wörtlich sagte er: "Das Heim in Brezovica soll im Rahmen des Gesetzes und unter Kontrolle den zuständigen Institutionen arbeiten."


Bozanics Worten waren zahlreiche Berichten über Fälle von Kindesmisshandlung im Caritas-Waisenhaus im Ort Brezovica nahe Zagreb. Auch Behinderte sollen betroffen sein. Seit Anfang dieses Jahres veröffentlichten kroatische Medien sporadisch Geschichten über Fälle von Misshandlung in diesem Heim, aber die Caritas und besonders ihre Chefin Jelena Brajsa (70) wiesen die Vorwürfe stets zurück. Die Kirche nahm nie Stellung.

Ab Anfang Mai mehrten sich aber die Geschichten über sexuelle Übergriffe einzelner Angestellter in Brezovica auf ihre minderjährigen Schützlinge. Buben und Mädchen aus dem Heim hatten anonym davon erzählt. Mitte Juni begann die Staatsanwalt mit der Untersuchung. Kurz danach wurde ein Hauswart wegen Vergewaltigung eines geistig behinderten zehnjährigen Buben festgenommen.

Justizskandal...

Wenige Tage später forderte der Generalstaatsanwalt Mladen Bajic, der bereits stark in Kritik der Medien stand, die Entlassung seiner Stellvertreterin Bozica Cvjetko. Sie soll von den Vorkommnissen in Brezovica gewusst, sie aber vertuscht haben. In Folge wurden noch zwei Staatsanwältinnen aus dem gleichen Grund suspendiert. Laut Medienberichten wussten zahlreiche Personen davon, dass in Brezovica Kinder missbraucht wurden. Die Angelegeheit sei aber unter den Teppich gekehrt worden.

Brajsa, die seit 1968 Chefin der Zagreber Caritas ist, dementierte aber stets, dass sie oder jemand ihrer Mitarbeiter von den Misshandlungen gewusst habe. Vergangene Woche erzählten aber ehemalige Mitarbeiter in Brezovica etwas anders. Brajsa habe persönlich einen Koch gefeuert, nachdem sich dieser an Kindern vergangen hatte. Sie soll detaillierte Angaben darüber in seinem Tagebuch gefunden haben.

...und Kirchenskandal

Seit die ersten Berichte über den mutmaßlichen Kinderschänder-Skandal aufgetaucht waren, forderten die Medien die katholische Kirche zu einer Stellungnahme auf. Ihre Vertreter blieben aber immer stumm. Das dürfte an dem großen Einfluss liegen, den die Caritas-Chefin hat. In katholischen Kreisen ist sie auch eine Symbolfigur, weil sie ihre kirchliche Sozialarbeit auch unter widrigsten Bedingungen im ehemaligen Jugoslawien von Marschall Josip Broz Tito geleistet hatte.

Einige Medien spekulierten auch darüber, dass Brajsa einige dunkle Geheimnisse der Kirche kennen könnte und es daher keine kirchlichen Reaktionen auf den Skandal gegeben habe. Darum war die Äußerung von Bozanic während seiner Predigt eine große Überraschung. Wobei der Kardinal sehr vorsichtig blieb. "Wir verurteilen die Verbrechen, falls sie begangen wurden", sagte er während der Messe, an der unter anderem Staatspräsident Stipe Mesic und Ministerpräsident Ivo Sanader teilnahmen. Er rief die Justizbehörden auf, die Vorwürfe aufzuklären. Bozanic würdigte aber auch "alle guten Taten, welche die Caritas unter der Leitung von Jelena Brajsa in schwierigen Jahrzehnten gemacht" habe.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2005-06-27 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-06-27 10:48:00

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