• vom 12.05.2003, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 13.09.2015, 04:08 Uhr

Wiener Museumsstücke

Das zug'reiste Riesenrad




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Als es den unternehmerischen Ingenieur Basset nun nach Wien verschlug, um zu sondieren, ob man nicht etwa auch hier ein Riesenrad ins Werk setzen könne, traf er auf Gabor Steiner, der als Direktor dem Hanswursttheater in der Rotunde vorstand und zudem auf dem Pratergelände den Vergnügungspark "Venedig in Wien" betrieb. Steiner war vom Ansinnen des Engländers sofort hellauf begeistert, indes hätte die kaiserliche Bürokratie das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht. "Ja, sagen Sie, ist heute der erste April?", entfuhr es dem zuständigen Wiener Baurat, als Steiner ihm den Plan für die Errichtung des Wiener Riesenrades vorlegte. Aber durch den Widerstand der Behörden ließ sich der passionierte Praterunternehmer keineswegs von seinem Vorhaben abbringen: Ständig kontaktierte er nun Politiker und hohe Beamte, um diese für den Bau zu begeistern, auch lancierte er die Angelegenheit in den Wiener Zeitungen.

Schließlich erfolgte doch noch die Baubewilligung. Als Standort wählte man den "Englischen Garten", den Steiner als Teil von "Venedig in Wien" in Pacht hatte. H. Cecil Booth entwarf das Wiener Riesenrad nach den Plänen des "Gigantic Wheel" in Blackpool, die Bauaufsicht hatten der englische Ingenieur C. F. Hitchins, welcher sechs britische Monteure mitgebracht hatte und der Wiener Ingenieur Robert Feilendorf, der auch für die sprachliche Verständigung mit den österreichischen Arbeitern sorgte. Das gesamte Material wurde aus England angeliefert, einzig und allein die Waggons stammten aus Ungarn und die Drahtseile aus den St. Egydier Werken.

Der Aufbau des Rades war für die Wiener ein spektakuläres Ereignis. Täglich stellten sich zahlreiche Schaulustige an der Baustelle ein, um die Stahlkonstruktion in die Höhe wachsen zu sehen. Feilendorf bekam übrigens von den Wienern den wenig schmeichelhaften Titel "narrischer Ingenieur" verpasst, weil dieser immerzu im Gehrock und Zylinder auf der Baustelle auftauchte, sich aber nie scheute, in diesem Aufzug bei den schmutzigsten Arbeiten selbst Hand anzulegen.

Nach achtmonatiger, intensiver Arbeit war das Riesenrad fertiggestellt. Am 21. Juni 1897 nahm Lady Horace Rumbold, die Gemahlin des englischen Botschafters am Wiener Hof, mit drei Hammerschlägen die Einnietung der letzten Schraube vor. Dann erklang die englische Nationalhymne, weil Steiner das Spektakel zu Ehren des 60jährigen Regierungsjubiläums von Königin Viktoria veranstaltet hatte.

Zu guter Letzt mussten noch die Waggons am Riesenrad angebracht werden. Als schließlich am 3. Juli 1897 die behördliche Bewilligung zur Inbetriebnahme erteilt wurde, stürmten die Wiener zuhauf in den Prater, um sich in luftige Höhen heben zu lassen.

*

Hubert Horky, dessen Sammlung wir am vergangenen Montag vorgestellt haben, bedankt sich bei den "Wiener Zeitung"-Lesern für die Resonanz und würde sich freuen, wenn sich noch weitere Besitzer von alten Praterfotos und -postkarten bei ihm melden würden (Tel. 01/713-33-71).

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Dokument erstellt am 2003-05-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2015-09-13 04:08:44

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