• vom 24.06.2002, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 06.04.2005, 14:50 Uhr

Wiener Museumsstücke

Der "Teufel von Korneuburg"




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

Im Jahr 1827 brachte in Korneuburg die ledige Magd Theresia Parzer ein missgebildetes Kind zur Welt, bei dem das Gehirn nicht vollständig entwickelt war. Das tot geborene Sechsmonatskind wurde nicht, wie üblich, an seinem Geburtsort beigesetzt, sondern nach Wien überbracht. Nach einer Weisung Johann Peter Franks (1745-1821), des vormaligen Direktors des Allgemeinen Krankenhauses, waren derartige "merkwürdige Stücke in Weingeist aufzubewahren" und zu Studienzwecken an das Wiener Pathologische Museum zu senden.

Ärztlicherseits versuchte man sogleich, den Ursachen für die anenzephale Fehlbildung nachzuspüren. Die 25jährige Dienstmagd wurde einer eingehenden Befragung unterzogen, die in einem heute noch erhaltenen Bericht des damaligen Prosektors des AKH, Laurenz Biermayer, dokumentiert ist.


Wie der Schrift des Pathologen zu entnehmen ist, hatte er von der Mutter des Kindes in Erfahrung bringen können, dass diese während ihrer Schwangerschaft sehr häufig in der Kirche gewesen war. Während ihres Gebetes hatte die Magd ihre Augen beständig auf den Erzengel Michael geheftet.

Eigentlich betete Parzer zu einem Marienbildnis, jedoch wurde ihr Blick wie magnetisch von der daneben befindlichen lebensgroßen Engelsfigur angezogen, die in der einen Hand ein Schwert und mit der anderen Hand den am Boden kauernden Satan an einer Kette hielt, den sie mit Füßen trat.

"Diese Erscheinung, und zumahl die Teufelsgestalt", so Biermayer, "machte auf ihren ohnehin aufgeregten Gemütszustand einen heftigen Eindruck". Bei Betrachtung des fehlgebildeten Kindes konstatierte der Pathologe eine "so monströse Bildung der zu beschreibenden Teile, dass sie jener, des aus Holz geformten Teufels, der (nach Aussage der Mutter) ihr von dieser Zeit an nicht mehr ausser Gedächtniss kam, in vielem ähnlich war."

In der frühen Neuzeit war es keineswegs abwegig, Missgeburten solcherart zu erklären. In den vorangegangenen "Wiener Museumsstücken" haben wir bereits erläutert, dass nach aristotelischer Lehre beim Zeugungsakt dem männlichen Samen ein formendes Prinzip inhärent war. Der männliche Samen war dieser Auffassung zufolge grundsätzlich darauf ausgerichtet, das Abbild des Vaters zu generieren; die Zeugung wird also weitgehend als eine Übertragung des Bildes vom Mann auf die Frau verstanden. Aus diesem Grunde war zu dieser Zeit ein Verständnis der Schwängerung als "Ein-Bildung" gegeben.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2002-06-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 14:50:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ältester traf jüngsten Regierungschef der Welt
  2. Dauerhaft Arme sterben früher
  3. Längere Fußfessel gegen volle Gefängnisse
  4. Staatsverweigerer-Prozess vor Abschluss
  5. Politik hält an Nebenjobs von VfGH-Richtern fest
Meistkommentiert
  1. Kurz hält an Wien-Kritik fest
  2. "Indexierung der Familienbeihilfe ist klar vertretbar"
  3. Wien will Entwurf nicht umsetzen
  4. Die Angst vor dem Wolf
  5. Täter ist geständig

Werbung




Werbung