• vom 06.03.2000, 00:00 Uhr

Chronik

Update: 06.04.2005, 15:50 Uhr

Teile der Wiener Stadtbahnbögen sollen abgerissen werden

Verwirrung um Baudenkmal: Keiner fühlt sich zuständig




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Von Veronika Gasser

  • Der Abriss eines Teiles der von Otto Wagner geplanten Stadtbahnbögen steht zur Diskussion. Kein Ressort im Wiener Rathaus fühlt sich aufgrund der komplizierten Eigentumsverhältnisse und eventuell
  • anfallender Kosten zuständig.

Schon im letzten Jahr entstand eine Debatte um jenen Teil der ehemaligen Stadtbahntrasse, der nunmehr seit über drei Jahren stillgelegt ist. Früher fuhr auf diesem Gelände die Stadtbahn, danach


die U6 in Richtung Heiligenstadt. Da der Verkehr auf dem Teilstück ab Friedensbrücke respektive Spittelauer Lände bis nach Heiligenstadt eingestellt wurde, stehen auf einer Strecke von nahezu zwei

Kilometern rund 80 Stadtbahnbögen des prominenten Wiener Jahrhundertwendearchitekten Otto Wagner seit 1996 zur Disposition.

Am 6. Juni 1999 fand im Amt der Wiener Landesregierung eine Büroverhandlung wegen des Erlöschens der Konzession der Wiener Linien und eventueller Sanierung der Objekte statt, wobei die

Sanierungskosten mit 240 Mill. S und die Abtragungskosten mit 50 Mill. S geschätzt wurden. Die Bahnbögen gelten allerdings · wie die gesamte von Wagner konstruierte Stadtbahnanlage · als

kunsthistorische Baudenkmäler, weshalb die Angelegenheit in die Kompetenz des Bundesdenkmalamtes verlagert wurde. Dieses muss nun über das Schicksal dieser Wiener Architekturbesonderheit entscheiden.

Für Eva Maria Höhle, Landeskonservatorin des Bundesdenkmalamtes, ist "die gesamte Konstruktion der Wiener Stadtbahn, die auch bis auf eine Ausnahme zur Gänze erhalten ist, ein bautechnisches Denkmal.

Es liegt bislang auch kein Grund vor, warum die Bauten für den Abriss freigegeben werden sollen."

Komplizierte Eigentums- und Grundstücksverhältnisse

Besonders problematisch erweist sich die ganze Angelegenheit aufgrund der komplizierten Grundstücks- und Eigentumsverhältnisse. So sind die Eigentümer der zehn Bögen ab Friedensbrücke die Wiener

Linien, während jene Bögen zwischen Spittelauer Lände und Heiligenstadt sich im Eigentum der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) befinden. Deren Vorgängerin, die k. und k. Staatsbahndirektion, hatte

im Jahre 1905 ein Servitut den "Wiener Stadtbahnen" zur Bebauung und Benutzung eingeräumt. Das Nutzungsrecht ging in den Bestand der heutigen Wiener Linien ein und diese sind somit für das

Jahrhundertwende-Bauwerk, solange es für den Verkehr genutzt wird, verantwortlich. Die ÖBB kann jedoch als Eigentümer über das Grundstück unter den Bauten verfügen.

Mittlerweile sorgt schon seit einiger Zeit der brachliegende Teil der Gesamtkonstruktion für Aufsehen. Denn nach der Einstellung der U-Bahn-Strecke erlosch das Recht zur weiteren Nutzung des Geländes

und müßte nunmehr an die Bundesbahnen zurückgegeben werden.

Wiener Linien: Entscheidung liegt bei den ÖBB

Auch hätten die Wiener Linien das Problem am liebsten durch den baldigen Abbruch der ungenutzten Anlage gelöst. Günther Grois, Direktor der Wiener Linien, ist dabei froh, die heiße Kartoffel an

die Verantwortlichen der ÖBB weitergeben zu können: "Es liegt bei den ÖBB zu entscheiden, was mit den alten Stadtbahnbögen geschieht. Diese könnten von den Wiener Linien sogar verlangen die Bögen

abzureissen, da nach dem abgeschlossenen Vertrag das Grundstück im ursprünglichen Zustand übergeben werden muss."

Eigentlich glaubt Grois nicht, dass sich eine Sanierung der Baudenkmäler rentiert: "Derzeit gibt es noch keine Nutzungsvorschläge. Vor allem ist die Finanzierung ein wesentlicher Punkt, und hier

liegen noch keine konkreten Angebote vor."

Was allerdings vorliegt ist ein Antrag der Liberalen im Gemeinderat, einen offenen Ideen- oder Investorenwettbewerb über die weitere Verwendung dieses wesentlichen Bauwerkes Otto Wagners

auszuschreiben. Auch die Wiener Freiheitlichen haben die Angelegenheit aufgegriffen, und wollen das Gelände in ein Künstlerviertel verwandeln.

Die Antwort der Wiener Stadträtin für Finanzen und Stadtwerke, Brigitte Ederer: "Die Aufrechterhaltung eines Zweckbauwerkes, dessen eigentliche Funktion nicht mehr erfüllt werden kann, entspricht

nicht unbedingt den von der Funktionalität eines Bauwerkes erfüllten Überlegungen Otto Wagners." Ein weiterer Hinweis im Schreiben gilt den Kosten: "Die Abbruchkosten würden ca. 20 bis 25 Prozent der

Mindestsanierung betragen (.....) Aus Kostengründen besteht ein starkes Interesse an der Abtragung der Bögen."

Die ÖBB haben allerdings auch Bedenken gegen allfällige Nutzungsvorschläge. "Ein Verkauf der Liebenschaft ist praktisch kaum möglich, weil ein Großteil der betroffenen Anlage im Einfahrtsbereich des

Bahnhofes Heiligenstadt zwischen zwei ÖBB-Gleisanlagen liegt. Baulich ist hier fast nichts zu machen," erklärt Erich Widl, Leiter des Bereiches Immobilien-Entwicklung der ÖBB.

Bundesbahnen könnten auf Abbruch bestehen

Die ÖBB könnten somit auf einer Räumung des Geländes · sogar deren vollkommener Schleifung bestehen · und die Stadt Wien würde nicht intervenieren. Ein Umstand, der für die Wiener

Bundeskonservatorin unverständlich ist: "Die Wiener Linien haben sich aus ihrer Verpflichtung herausgeschraubt. Außerdem sind die gesamten Instandsetzungskosten noch nicht einmal eingeschätzt

worden." Noch stehen die Bögen · ex lege · unter Denkmalschutz, und das Bundesdenkmalamt denkt vorläufig auch nicht auf eine Aufhebung.

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Dokument erstellt am 2000-03-06 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 15:50:00

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