• vom 01.07.2010, 16:42 Uhr

Chronik

Update: 01.07.2010, 16:43 Uhr

Der Büstenhalter wurde 1910 erfunden - das Wäschestück ist weltweit eine Erfolgsstory

Hoch soll er heben - zum 100.




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Von WZ-Korrespondent Roland Mischke

  • Für den BH warb man dereinst mit dem Spruch: "Festigt welke Form verblüffend".
  • Nur 30 Prozent der mehr als 3 Milliarden Frauen tragen ihn.
  • St. Gallen/Wien. Nicht selten täuscht er falsche Tatsachen vor. Aber das ist durchaus erwünscht. Der BH soll das, was er sanft gepolstert ummantelt, bedecken - aber auch anheben.

In 100 Jahren entwickelte er sich zum figurverändernden Accessoire: der BH. Foto: dpa

In 100 Jahren entwickelte er sich zum figurverändernden Accessoire: der BH. Foto: dpa In 100 Jahren entwickelte er sich zum figurverändernden Accessoire: der BH. Foto: dpa

Was wäre Filmstar Marilyn Monroe ohne ihre zwei spitz zulaufenden Körbchen gewesen? Ein Starlet wie Tausende andere. Wann wurde die am meisten beliebte BH-Größe bekannt? Als sich Liz Taylor 1950 mit kokett hinter dem Kopf verschränkten Armen in einem weißen Prachtstück der Größe 80C ablichten ließ, heute die Durchschnittskörbchengröße.


Was verursachte Staus, Auffahrunfälle in Serie und nächtliche Diebesaktionen? Als 1994 das blonde Model Anna Nicole Smith in westlichen Großstädten nach vorn gebeugt einen sogenannten Spets-BH in zarter Spitze mitsamt proper gefülltem Inhalt dem Betrachter entgegenhielt. Und was war 2001 der Hingucker im Unterwäsche-Kosmos? Heidi Klum, die als Model einen BH mit 90-karätigen Diamanten trug, der 12,5 Millionen US-Dollar kostete.

Bis 1910 trug Frau Korsett oder Mieder und war darin wie eine Puppe eingeschnürt. Atemnot war die Folge, Gleichgewichtsstörungen und Fehlhaltungen kamen hinzu. Für die Erotik war solch ein zugeknöpftes Unterwäschestück eher lästig. Der norwegische Schriftsteller Knut Hansum wurde berühmt mit seiner Novelle "Hunger", in der er die Unerträglichkeit des lange Minuten dauernden Aufknöpfens des Korsetts seiner Geliebten beschreibt, bis endlich der letzte Knopf aufgezupft war. Auch das starre Mieder war beschwerlich bis ängstigend.

Mary Phelps-Jacobsen, Studentin in New York, wollte vor hundert Jahren zum heiß ersehnten Debütantenball der Gesellschaft kein Korsett tragen. Bauch und Taille sollten nicht einzementiert sein. Zwar mussten ihre Brüste bedeckt sein, aber eben bequem. Die 19-Jährige experimentierte vor dem Spiegel mit zwei Tüchern, an die sie Bänder genäht hatte. Sie schob die simple Kreation so geschickt über ihre Oberweite, dass diese komfortabel gehalten wurde.

Seither gilt Mary Phelps-Jacobsen als Erfinderin des Büstenhalters, was vor allem auf ihre Geschäftstüchtigkeit zurückgeführt wird. 1912 war er serienreif, 1914 ließ sie sich ihre Entwicklung patentieren. Kurze Zeit später verkaufte sie das Patent an die Filmindustrie, die Warner Brothers Corset Company erwarb den ersten BH für umgerechnet etwa 1200 Euro.

"Brustverbesserer"

Schon 1889 aber hatte die Französin Herminie Cadolle ein "Brustleibchen" erfunden, der Deutsche Hugo Schindler folgte 1891 mit dem "Brusthalter", der, weil sich die Brustwarzen nicht abzeichneten, als "Brustverbesserer" durchging.

Der BH hat sich weltweit durchgesetzt, obwohl ihn nur 30 Prozent der mehr als 3 Milliarden Frauen tragen. In Deutschland sind es 75 Prozent, dort werden pro Jahr rund 45 Millionen verkauft, pro Frau 1,5 Stück.

Nicht allen steht er gut, vor allem weil er oft zu klein ist und Brustfleisch überquillt. Geklagt wird auch, dass die Bügel-BH zu eng sind und zwicken. Das liegt aber ausschließlich daran, dass 70 Prozent der Trägerinnen, so die Hersteller, nicht wissen, welche Größe sie brauchen.

In der Lexikonsprache besteht ein BH aus zwei geformten, miteinander verbundenen "Cups" zur Aufnahme der Brüste. Die über beide Schultern führenden Träger verhelfen zur vertikalen, das am Rücken verschließbare Band zur horizontalen Stabilisierung. Schulterträger und Rückenteil lassen sich zur Feinanpassung verstellen. Als optimaler Passsitz gilt, dass unter dem Rückenband noch zwei Finger Platz haben.

Mit zunehmendem Alter und nachlassender Elastizität des Bindegewebes folgen die Brüste der Schwerkraft. Aber kein Hersteller würde heute mehr wagen, für seinen BH so zu werben, wie es 1919 eine Firma in Annoncen tat: "Festigt welke Form verblüffend".

Heute trumpfen die Wäscheunternehmen mit Modellen auf, die entweder zur optischen Fülle kleinerer Brüste verhelfen oder zur Modellierung des Dekolletés. Der Push-up-BH vergrößert, der Minimizer-BH gaukelt eine optische Verkleinerung größerer Brüste vor. Der "Freedom Bra", erst seit 2007 im Handel, verhilft dem extra großen Naturbusen zum ansehnlichen und nicht furchteinflößenden Anblick.

Feuerwerks-BH knallt

In jüngster Zeit sind immer mehr Sondermodelle mit Spaß-Faktor im Angebot. Firefox brachte 2008 einen BH, der sich mit Wein füllen lässt. Seit 2009 können Verlobte in den Braut-BH eine Uhr einmontieren lassen, die die Stunden bis zum Hochzeitstermin zählt. Lady Gaga ließ im vergangenen Jahr einen Feuerwerks-BH auf der Bühne knallen. Zur Fußball-WM in Südafrika kam das Modell mit den zwei Halbbällen-Körbchen in die Schaufenster. Der BH ist immer wieder ein Hingucker - dafür wurde er ja vor einem Jahrhundert erfunden.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-07-01 16:42:30
Letzte Änderung am 2010-07-01 16:43:00

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