• vom 28.02.2012, 17:42 Uhr

Chronik

Update: 28.02.2012, 19:40 Uhr

Schmallenberg-Virus

Das Leiden der Lämmer




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Von WZ-Korrespondentin Eva Glauber

  • In halb Europa breitet sich das besonders für Jungtiere gefährliche Schmallenberg-Virus rasend schnell aus
  • In hunderten Betrieben wurden Schafe und Ziegen tot oder missgebildet geboren.

Das Schmallenberg-Virus wird von Mücken übertragen. Die Tiere zu schützen, ist kaum möglich. - © dapd

Das Schmallenberg-Virus wird von Mücken übertragen. Die Tiere zu schützen, ist kaum möglich. © dapd

Frankfurt. In Europa sind inzwischen schon über tausend Landwirtschaftsbetriebe betroffen, davon allein in Deutschland schon fast 750 Bauernhöfe. Zwar überwinden erwachsene Tiere eine Ansteckung nach einem leichten Fieberanfall schnell - wenn sie überhaupt Symptome zeigen. Wird jedoch ein Fötus mit dem Schmallenberg-Virus infiziert, hat das grässliche Folgen. Lämmer, Zicklein oder Kälber kommen tot oder missgebildet zur Welt. Versteifte Gliedmaßen, ein fehlendes Kleinhirn, ein grotesk verbogener Hals sind Zeichen einer Schädigung durch das Virus, das zudem die Fruchtbarkeit beeinträchtigt.


Laut Schätzungen sind tausende Jungtiere dem Schmallenberg-Virus erlegen. Manche Betriebe melden einen Verlust von einem Drittel der Neugeborenen. Die Muttertiere hatten sich im vergangenen Sommer oder Herbst angesteckt. Rinderzüchtern könnte das Schlimmste noch bevorstehen, da Kühe länger tragen als Schafe und Ziegen. Kälber kommen meist erst Ende Februar oder Anfang März zur Welt.

Neben deutschen Bauern sind mittlerweile auch Landwirte in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Luxemburg betroffen. In Deutschland liegt der Schwerpunkt der Infektion im Norden und Westen, aber auch aus Baden-Württemberg und Bayern wurden Ansteckungen gemeldet. Aus Österreich und der Schweiz sind im Augenblick offiziell noch keine Ansteckungen gemeldet worden. In Österreich nehmen die Behörden die Bedrohung aber sehr ernst. Darum haben das Gesundheitsministerium und die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit für heute, Mittwoch, zu einer Informationsveranstaltung geladen.

"Es ist ein für unsere Breiten neues Virus, es trifft also auf eine komplett ungeschützte Population", erläutert Veterinärmediziner Klaus Osterrieder von der Technischen Universität (TU) Berlin den Grund für die blitzartige Ausbreitung des Virus, das in ähnlicher Form sonst nur in Asien, Afrika und Australien vorkommt. Die TU sucht ebenso fieberhaft nach einem Impfstoff wie das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI).

Menschen nicht gefährdet
Wissenschafter des FLI hatten den Erreger im vergangenen November erstmals bei einer Probe von einem Hof bei Schmallenberg im Sauerland nachweisen können - daher der Name "Schmallenberg-Virus". "Wir haben ganz bewusst darauf verzichtet, Patente auf unsere Entdeckungen zum Schmallenberg-Virus anzumelden", sagt FLI-Präsident Thomas Mettenleiter. Damit soll europaweit die Forschung nach einem Serum erleichtert werden.

Neuansteckungen sind in den nächsten Wochen noch nicht zu befürchten, da das Virus von Stechmücken übertragen wird, die erst ab April wieder ausschwärmen. Dann allerdings wird es für die Tierzüchter kaum ein Gegenmittel geben. Bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist, dürften laut Expertenansicht mehr als eineinhalb Jahre vergehen. Schutz gegen Mückenstiche ist bei den Herdentieren praktisch unmöglich. Die Hoffnung ruht nun auf einem Impfstoff aus Japan, wo der eng verwandte Akabane-Virus schon lange bekannt ist. Das FLI muss dessen Wirkung auf das Schmallenberg-Virus aber noch untersuchen. Ob sich auch Wildtiere infizieren können, steht nach Angaben der Tierseuchen-Experten noch nicht fest.

Information

Die neuen Seuchen der Massentierhaltung
In den vergangenen 20 Jahren wurde die industrielle Massentierhaltung immer wieder von neuen Seuchen erschüttert. Vor allem bei leicht übertragbaren Krankheiten entwickelten sich durch den engen Kontakt von hunderten, wenn nicht tausenden Tieren oft sehr gravierende Seuchenverläufe. Als wohl folgenschwerstes Ereignis gilt jedoch der Ausbruch einer Krankheit, die in der überwiegenden Zahl nicht von Tier zu Tier übertragen wurde. 1996, am Höhepunkt der BSE-Welle, wurden allein in Großbritannien in zwei Monaten 100.000 Rinder notgeschlachtet. Als Auslöser des Rinderwahnsinns gelten krankhaft veränderte Eiweiße. Die sogenannten Prionen waren über zu Tiermehl verarbeitete Schafskadaver in das Futter der Rinder gelangt. Für den Menschen besteht die Gefahr, sich beim Verzehr von verseuchtem Fleisch mit einer neuen Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jacob-Krankheit anzustecken. Eine noch viel größere Zahl an Tieren musste allerdings 2007 geschlachtet werden, als das hochansteckende Vogelgrippe-Virus H5N1 auch in Europa um sich griff. Für die betroffenen Tiere überaus tödlich verlief auch der Ausbruch der Blauzungenkrankheit 2006. Sie wird ähnlich wie der nun entdeckte Schmallenberg-Virus vor allem von Stechmücken übertragen.

Eine positive Nachricht gibt es allerdings. Das Virus ist laut Angaben des Europäischen Zentrums für Seuchenvorbeugung und -kontrolle mit größter Wahrscheinlichkeit nicht auf den Menschen übertragbar - weder durch Mückenstiche noch durch Fleischverzehr. Erfahrungen aus Japan mit dem Akabane-Virus haben zudem gezeigt, dass die Muttertiere auf Dauer immun werden und sich die Seuchenausbreitung deshalb verlangsamt.




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Dokument erstellt am 2012-02-28 17:47:10
Letzte Änderung am 2012-02-28 19:40:04



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