• vom 20.03.2012, 09:56 Uhr

Chronik

Update: 20.03.2012, 17:38 Uhr

Homosexuelle

"Stolpersteine" erinnern an homosexuelle Opfer des Nazi-Terrors




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  • 39 neue Gedenktafeln für NS-Opfer in der Stadt Salzburg
  • Auch ein Deserteur bekommt einen Gedenkstein.

Salzburg. 129 "Stolpersteine" erinnern seit 2007 in der Stadt Salzburg an 129 Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Am Donnerstag und Freitag verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig (64) weitere 39, zehn mal zehn Zentimeter kleine Gedenktafeln aus Messing vor dem letzten, freiwillig gewählten Wohnort der Ermordeten. Erstmals werden diesmal auch "Stolpersteine" für Homosexuelle und einen Deserteur der Wehrmacht in die Trottoirs eingesetzt - Salzburg nimmt damit eine österreichweite Vorreiterrolle ein.

Das Kunstprojekt holt die bisher Namenlosen aus der Anonymität hervor. Im Jahr 2000 begann Demnig mit der Verlegung der Gedenktafeln. Inzwischen ist ihre Zahl auf rund 30.000 in mehr als 500 Orten in Europa gestiegen. Stolpersteine gibt es in Österreich neben Salzburg noch in Mödling, Wels und Wien - zur Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Roma und Sinti, politisch Verfolgten, Zwangsarbeitern und Euthanasie-Opfern. Mit den Gedenksteinen für fünf Homosexuelle und einen Deserteur beleuchtet das "Personenkomitee Stolpersteine" diese Woche bei der bisher sechsten Aktion in Salzburg zwei neue Opfergruppen.


Die Recherche war nicht einfach, schilderte der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer im APA-Gespräch. "Gerichtsakte fehlen, sie sind vernichtet worden. Ich habe die Homosexuellen anhand einer Polizeimeldekartei herausgefunden und auch im Landesgericht Salzburg gibt es ein Register, in dem die Verurteilten verzeichnet sind."

Homosexuelle wurden vor 1938 aufgrund des Paragrafen 129 Absatz 1b (in Deutschland Paragraf 175) strafrechtlich verfolgt. Während der NS-Zeit seien die Verurteilten in Konzentrationslager deportiert worden, erklärte Kerschbaumer. Von 1938 bis 1945 wurden 338 Personen am Landesgericht Salzburg wegen Homosexualität verurteilt. "Davon haben wir jetzt fünf ausgewählt, von denen wir genau wissen, dass sie umgekommen sind. Nicht alle stammten aus Salzburg, sie waren zuletzt aber in der Stadt Salzburg gemeldet." Johann Gorup wurde im Zuchthaus Amberg ermordet, Günther Erlbeck im KZ Flossenbürg, Franz Schinnerl im KZ Dachau, Otto Schneider im KZ Buchenwald und August Strasser im KZ Mauthausen.

Jener Soldat, dem nun ein "Stolperstein" in Salzburg gewidmet wird, ist 1942 im Alter von 29 Jahren desertiert. Der in Linz geborene Karl Reitmaier war 1941 zur Wehrmacht einberufen worden. "Er kehrte aber von einem Heimaturlaub nicht mehr an die Front nach Norwegen zurück", weiß der Salzburger Historiker. Die offizielle Wohnadresse lautete Plainstraße 74, Stadt Salzburg. Dort wohnte er mit seinem Vater. Reitmaier wurde in Salzburg erwischt und 1942 zum Tode verurteilt. Seine Hinrichtung fand auf dem Schießplatz in Glanegg in der Gemeinde Grödig (Flachgau) statt, seine Kriegsgerichtsakte wurde vernichtet. "Wir werden in den nächsten Jahren noch mehrerer Deserteure gedenken", kündigte Kerschbaumer an. Deserteure und Homosexuelle galten nicht als Opfer des Nationalsozialismus - "bisher wurden für sie in Österreich keine Stolpersteine verlegt. Salzburg übernimmt da eine Vorbildfunktion".

Unter den insgesamt 39 Ermordeten, derer im Rahmen des Kunstprojektes bisher gedacht wurde, befinden sich Juden, "Hochverräter", Euthanasieopfer, KPÖ-Mitglieder, ein Widerstandskämpfer und ein Zeuge Jehovas. Für 120 Euro übernimmt jeweils ein Pate die Kosten für Tafel und Verlegung. Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden (S) ist Pate des "Glaubensjuden" Adolf Aaron Weiss. Der 70-Jährige starb am 6. November 1944 in Salzburg an Unterernährung. Um seinen Namen für immer auszulöschen, wurde damals seine Asche in die "Gruft der Vergessenen" auf dem Salzburger Kommunalfriedhof geworfen.




Schlagwörter

Homosexuelle, NS-Opfer

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Dokument erstellt am 2012-03-20 09:47:12
Letzte Änderung am 2012-03-20 17:38:56


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