• vom 24.07.2012, 17:09 Uhr

Chronik

Update: 25.07.2012, 10:50 Uhr

Wilderer

Die späte Rache des Wilderers




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Von Petra Tempfer

  • Vor 30 Jahren wurde der Wilderer Pius Walder erschossen
  • Beim Begräbnis des Schützen kam es zum Eklat durch Walders Bruder Hermann.

Meuchelmord? Die Walder-Familie hält daran fest, dass Pius aus dem Hinterhalt erschossen wurde. - © APA

Meuchelmord? Die Walder-Familie hält daran fest, dass Pius aus dem Hinterhalt erschossen wurde. © APA

Innsbruck. Der eine Jäger soll ihn mit drei Schüssen vor den Gewehrlauf des zweiten Jägers getrieben haben, der fünf Mal auf ihn schoss. Die letzte Kugel traf ihn in den Hinterkopf - und tötete Pius Walder: jenen Wilderer aus Innervillgraten in Osttirol, dessen Tod am 8. September 1982 für gewaltiges Aufsehen sorgte.

Wurde doch der Schütze Johann Schett nicht wegen Mordes, sondern schwerer Körperverletzung zu nur dreieinhalb Jahren Haft verurteilt und nach eineinhalb Jahren vorzeitig entlassen - in den Augen von Walders Familie "ein lächerliches Urteil". Für Schlagzeilen sorgte daher auch das Begräbnis Schetts, der am Montagnachmittag 72-jährig in Innervillgraten beerdigt worden ist. Pius Walders Bruder Hermann hatte sich mit einer Tafel vor der Kirche postiert, auf der Vorwürfe wie "Mörder" zu lesen waren. Nicht als Trauernder, sondern Rachesuchender begleitete er den Zug zum Friedhof, wo er die Grabrede des Priesters mit lauten Parolen störte. Mehrere Polizisten entfernten ihn schließlich von der Trauerfeier, die Exekutive ermittelt nun wegen "Störung einer Bestattungsfeier", wie die "Tiroler Tageszeitung" schreibt.


Hermann Walder hatte nicht zum ersten Mal bei einem Begräbnis demonstriert. Schon als sein Bruder vor drei Jahrzehnten beigesetzt wurde, hatte er mit seinen - heute bereits verstorbenen - Brüdern vor dem offenen Grab Rache geschworen. Bis heute kämpft er darum, dass Pius’ Tod nicht in Vergessenheit gerät, und lehnt sich gegen Bevölkerung und Behörden auf.

"Jagdgang ohne Jagdschein"
Die Walder-Familie sprach stets von "kaltblütigem Meuchelmord". Freilich - dass die Walder-Brüder vor 30 Jahren gelegentlich zum "Jagdgang ohne Jagdschein" aufbrachen, war im spärlich besiedelten Villgratner Tal bekannt. Pius, der jüngste Bruder, war wegen des Eingriffs in fremdes Jagdrecht auch schon zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Laut dem Wiener Soziologen Roland Girtler sollen es die Jäger des Tales aber auf den "Wildschütz Pius Walder abgesehen" gehabt haben. Unter ihnen der damals 42-jährige Johann Schett, ein fanatischer Jäger.

"Schett hatte sich offensichtlich mit Josef Schaller und Johann Bergmann, auch sie waren im Villgratner Tal Aufsichtsjäger, abgesprochen. Am 8. September 1982 hatte Bergmann angeblich Schüsse im Wald bei Kalkstein vernommen, er meldete dies den beiden Jägern Schett und Schaller, die darauf Nachschau hielten. Schaller ging voraus, Schett gab ihm Deckung. Als die beiden vor Walder standen, flüchtete dieser", so Girtler. Acht Schüsse folgten, Pius Walder lief in Richtung des rettenden Dickichts, sackte aber zusammen. Laut Girtler lag er stundenlang in seinem Blut.

Was damals wirklich passierte, bleibt ungewiss. Interessant ist jedoch, dass der Fall in eine Zeit fällt, als es Wilderer im klassischen Sinn nicht mehr gab. War doch die Wilderei besonders vor 1848 verbreitet, als nur die Adeligen ein Jagdrecht besaßen. Ein Verstoß wurde mitunter mit Hinrichtung bestraft. Doch auch nach 1848 wilderten arme Bürger und Bauern, die nun offiziell jagen durften, bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg weiter, weil die Grundbesitzer Geld für die Jagd einforderten. In der Bevölkerung wurden die Wilderer stets wie Helden gefeiert. "Als sozialer Rebell stellte sich der Wildschütz gegen den feudalen Jagdherrn", schreibt Girtler im Buch "Wilderer: Rebellen in den Bergen".

Heute hat die Wilderei an Romantik verloren. Laut niederösterreichischem Landesjagdverband sind es vor allem organisierte Banden aus dem Osten, die hier auf illegale Jagd gehen. Allerdings nicht mit geschwärztem Gesicht und vom Hunger getrieben - sondern um die Trophäen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Ein prächtiges Geweih ist tausende Euro wert. Heute wie früher werden Wilderer daher selbst gejagt.

Nachlese: Der unselige Schuss




Schlagwörter

Wilderer, Pius Walder

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Dokument erstellt am 2012-07-24 17:14:09
Letzte Änderung am 2012-07-25 10:50:04


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