• vom 27.05.2010, 18:53 Uhr

Chronik

Update: 27.05.2010, 18:58 Uhr

Über den gescheiterten Versuch, aus einem südafrikanischen Township nicht über Armut zu berichten

"Die Schule ist die einzige Chance"




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Von Christian Lerch

  • Im Township Mamelodi ist die Bildung Hilfe zur Selbsthilfe.
  • Theater als Mittel gegen die traurige Alltagsrealität.
  • Johannesburg. Als wir wieder in unser Auto in Richtung Johannesburg steigen, sind Constances Tränen wieder getrocknet und sie bemüht sich verkrampft ein wenig zu lächeln. Den rosaroten Hut, unser Abschiedsgeschenk in der Hand, winkt sie schüchtern dem Mietauto zum Abschied hinterher. Schweigsam fahren wir zurück nach Mellville in das Haus mit den hohen Mauern und dem Stacheldraht, wo Constance und ihr Alltag weit weg sind.

Glücklich, wer einen besseren Verschlag sein Eigen nennen kann. Im Township Mamelodi machen die Wellblechdächer die Hitze unerträglich. Foto: name*it

Glücklich, wer einen besseren Verschlag sein Eigen nennen kann. Im Township Mamelodi machen die Wellblechdächer die Hitze unerträglich. Foto: name*it

Begonnen hat unser Treffen drei Stunden zuvor, als unser Team, bestehend aus zwei Journalisten und einem Kameramann, die 13-jährige Constance Mtuli von ihrer Schule abholen.


Das Mädchen lebt im Township Mamelodi, einer informellen Siedlung mit über 1,5 Millionen Bewohnern, die als südafrikanisches Synonym für Armut und Hoffnungslosigkeit gilt. Entgegen dem Muster des europäischen Elendsjournalismus in Afrika wollen wir über positive Biografien in Townships berichten. Constance Mtuli haben wir dazu als Protagonistin ausgewählt.

Glücksfall Schulplatz

Constances Schule, die Mahlasedi Masana Primary School für 10- bis 14-Jährige, wird von der deutschen GTZ, der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit finanziell unterstützt. Die Schule ist ein positives Vorzeigeprojekt der Entwicklungsorganisation in der verarmten Hochebene 40 Kilometer nordöstlich von Pretoria. Einem Gebiet, wo der Horizont von braunen Hütten und Bretterverschlägen begrenzt ist. Mit über tausend Schülerinnen und Schülern ist die Grundschule voll ausgelastet: Jene glücklichen Jugendlichen, die wie Constance einen Platz in der Schule haben, erhalten kostenlos eine Basiserziehung in Schreiben, Lesen und Rechnen. Daneben bietet die Schule eigene Klassen und Programme zu Aidsaufklärung und Gewaltprävention an. Constance spielt in der Theatergruppe.

Constance beim Interview.

Constance beim Interview. Constance beim Interview.

"Die Alltagserfahrungen zu Hause bilden die Grundlage für unsere Theaterstücke. Die Kinder erzählen in der Gruppe von ihrem Leben und ihren Familien, und daraus entwickeln wir gemeinsam die Szenen. So können sie auf der Bühne lernen, mit ihrer traurigen Alltagsrealität klarzukommen", erklärt der Lehrer Babboo Maholo. Es gäbe, so der 35-Jährige, in Mamelodi kaum Jugendliche, die nicht direkt oder indirekt von Aids und Gewalt in der Familie betroffen sind. Constance ist einer seiner besten Schülerinnen.

Beim Spiel auf der Bühne werde sie endlich von anderen Jugendlichen und den Erwachsenen respektiert, schwärmt Constance. "Ich liebe es, zur Schule zu gehen, denn dadurch komme ich meinem Traum näher. Mein Traum ist es, Ärztin zu werden. Weibliche Ärzte gibt es viel zu wenige in Mamelodi."

Glücklich, wer einen besseren Verschlag sein Eigen nennen kann. Im Township Mamelodi machen die Wellblechdächer die Hitze unerträglich. Foto: name*it

Glücklich, wer einen besseren Verschlag sein Eigen nennen kann. Im Township Mamelodi machen die Wellblechdächer die Hitze unerträglich. Foto: name*it Glücklich, wer einen besseren Verschlag sein Eigen nennen kann. Im Township Mamelodi machen die Wellblechdächer die Hitze unerträglich. Foto: name*it

Constances Alternativtraum ist Fußballspielerin zu werden. Nahezu jeden Nachmittag spielt sie nach dem Unterricht auf dem sandigen Schulplatz. Ihre Lieblingsposition in der gemischten Mannschaft ist Striker, also Stürmerin. Sie übernimmt gerne die Verantwortung für ihr Team und steht mit ihren Toren im Mittelpunkt des Interesses der anderen Jugendlichen. "Ich verstehe nicht, warum so viele Kinder nicht zur Schule gehen wollen, das ist doch hier die einzige Chance."

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Dokument erstellt am 2010-05-27 18:53:01
Letzte Änderung am 2010-05-27 18:58:00

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