• vom 29.01.2013, 18:00 Uhr

Chronik

Update: 29.01.2013, 22:22 Uhr

Wasser

Stadtgemeinde ficht Gutachten an




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Von Petra Tempfer

  • Korneuburger Grundwasser-Skandal
  • Düngemittel und Schweine-Gülle sorgen für erhöhte Nitratkonzentration im Grundwasser.



Korneuburg/Wien. Selbst Babys könnten täglich 0,75 Liter des Korneuburger Grundwassers trinken, es sei absolut ungefährlich - sagen die einen. Der Pestizidgrenzwert wurde tausendfach überschritten - kontern die anderen. Konkret geht es um den im August des Vorjahres aufgedeckten Wasser-Skandal in Korneuburg in Niederösterreich: Damals wurden das Pflanzenschutzmittel (Pestizid) Maisbeize und unter anderem der Wirkstoff Clopyralid im Grundwasser entdeckt, Verursacher soll der Pharma- und Pestizidhersteller Kwizda sein. Die Pestizide seien nach einem Schadensfall im Werk Leobendorf ins Grundwasser gelangt, bestätigte damals das Unternehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.


Seitdem schwelt eine heftige Diskussion zwischen der Korneuburger Bezirkshauptmannschaft (BH) und der Stadtgemeinde. Aktuell steht ein Gutachten der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) im Fokus, das im Auftrag der BH erstellt worden ist und das Grundwasser als unbedenklich einstuft. Denn eine von der Stadtgemeinde beauftragte und an der Fachhochschule Technikum Wien durchgeführte Studie kam zu einem ganz anderen Ergebnis: Das Grundwasser sei sehr wohl gesundheitsgefährdend, denn nicht die einzelnen, von der Ages untersuchten Pestizide seien das Gefährliche an der Kontamination, sondern die Mischung aus ihnen.

In Versuchen mit menschlichen Zellen habe es Hinweise auf die hormonelle Wirksamkeit dieses "Cocktails" und damit auf eine potenzielle Gesundheitsgefährdung gegeben, betonte Studienautor Franz Tatzber am Dienstag. Speziell die Hormone des Sexualsystems seien betroffen. Die Umweltschutzorganisation Global 2000 forderte die Rücknahme des Ages-Gutachtens.

"Wechselwirkungen erlangt man nicht dadurch, indem man die Wirkungen der einzelnen Pestizide einfach addiert", kontert Ages-Sprecher Roland Achatz im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", "unser Gutachten stimmt zu hundert Prozent und wurde internationalen Standards entsprechend durchgeführt. Es kann doch nicht sein, dass ein FH-Schnelltest alle wissenschaftlichen Arbeiten vom Tisch wischen kann". "Derzeit besteht kein Zweifel an der Risikobewertung durch Ages", betont auch Bezirkshauptfrau Waltraud Müllner-Toifl, "wir werden aber die offenen Fragen prüfen." Trotz Unbedenklichkeits-Gutachten habe die BH bereits eine mehrere Millionen Euro teure Sanierung veranlasst (die Kosten trägt der Verursacher laut Gerichtsurteil), die Korneuburger Trinkwasserleitung ist von der Verunreinigung nicht betroffen.

Konsequente Kontrolle
Durch Schadensfälle verursachte Skandale wie jener in Korneuburg gibt es "Gott sei Dank fast nie", meint dazu Reinhard Perfler vom Institut für Siedlungswasserbau an der Boku Wien. "Wasser birgt aber immer ein Risiko. Die Gefahr, dass etwas passiert, besteht - es sollte nur nicht unbemerkt bleiben." Die Meldungslage gibt ihm recht: Ebenfalls am Dienstag wurde bekannt, dass im Wasser in Klausen-Leopoldsdorf (Bezirk Baden) Fäkalbakterien aufgetreten sind. 1400 Menschen stand kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung, die Gemeinde hatte den Zugang gesperrt.

"Diese Verunreinigung könnte dadurch entstanden sein, indem eine begleitende Abwasserleitung leck wurde", mutmaßt Perfler. Generell sei die Trinkwasserqualität in Österreich auf einem hohen Niveau - nicht zuletzt deshalb, weil die gesetzlich vorgeschriebenen, zahlreichen Untersuchungen konsequent durchgeführt würden.

Beim Grundwasser indes gäbe es freilich schon "die üblichen Verdächtigen", wie Perfler sie nennt: Regionen, in denen intensive Landwirtschaft, Maisanbau und Schweinewirtschaft betrieben werden, durch die das Grundwasser mit Nitraten belastet wird. Besonders betroffen seien das Tullner- und das Marchfeld in Niederösterreich sowie das Leibnitzer Feld in der Steiermark.

Einerseits sind es laut Perfler die Düngemittel, andererseits ist es die Schweine-Gülle, die zu hoch konzentriert aufgetragen wird und für eine Nitrat-Überkonzentration sorgt. Bis Ende der 90er Jahre hätten Maßnahmen wie neue Bearbeitungsmethoden der Felder zu einer Reduktion geführt - seitdem stagniere das Maß der Belastung jedoch.

Wird nun das Grundwasser in einer dieser heiklen Regionen als Trinkwasser verwendet, muss eine Aufbereitungsanlage vorgeschaltet werden, wie es sie etwa in Obersiebenbrunn im Marchfeld gibt. Ansonsten könnten die durch biochemische Prozesse aus Nitraten entstehenden Nitrite bei Säuglingen die Sauerstoffaufnahme hemmen. Nur etwa die Hälfte des Trinkwassers in Österreich ist Grundwasser, der Rest sprudelt - hoffentlich sauber und frisch - aus der Quelle.




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Dokument erstellt am 2013-01-29 18:05:08
Letzte Änderung am 2013-01-29 22:22:36


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