• vom 23.09.2014, 17:56 Uhr

Chronik


Marchbrücke

Der Eiserne Vorhang im Kopf




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Von Petra Tempfer

  • Eine Marchbrücke hätte Österreich und die Slowakei verbinden sollen. Beide stimmten dagegen.

Eine Fähre ist seit 2001 die einzige Verbindung zwischen Angern und der Slowakei. - © apa/Schlager

Eine Fähre ist seit 2001 die einzige Verbindung zwischen Angern und der Slowakei. © apa/Schlager

Gänserndorf. Das Geld fehle für ein vernünftiges Projekt, hört man. Außerdem habe man Angst vor dem Durchzugsverkehr. Und überhaupt will man nicht, dass jemand zum Einkaufen das Land verlässt. Gründe gäbe es viele, warum am Wochenende sowohl in Österreich als auch in der Slowakei die Anrainer gegen eine Brücke über die March gestimmt haben, die Angern (Bezirk Gänserndorf) in Niederösterreich und Záhorská Ves auf slowakischer Seite verbunden hätte.

Doch sind es wirklich Argumente wie diese, die den seit Jahrzehnten geplanten Brückenbau und damit auch eine offene Grenze verhindern? Dass man in wenigen Minuten von hüben nach drüben kommt und sich die Bevölkerung vermischt? Oder ist es in Wahrheit der Eiserne Vorhang, der in vielen Köpfen noch immer nicht ganz gefallen ist . . .


Friedrich Zibuschka, Verkehrsplaner des Landes Niederösterreich, glaubt eher Letzteres. "Mehr als 40 Jahre lang gab es hier keine Verbindung zum Nachbarn. Mehr als 40 Jahre lang lebte man in Angern in Ruhe und Sicherheit. Dass es Widerstand gegen die Brücke gibt, liegt nicht am Geld", sagt er zur "Wiener Zeitung". Die Bewohner hätten vielmehr Angst vor einer Zunahme der Kriminalität, weil seit der Öffnung - subjektiv betrachtet - "überall eingebrochen wird und alles unsicher ist". Das sei der Tenor seit 1989, als der Eiserne Vorhang offiziell fiel und die Idee, Brücken zu bauen, aufkeimte.

Kosten von 14 Millionen Euro
Im Jahr 2001 setzte man zwar einen ersten vorsichtigen Schritt, als man eine Fährverbindung über die March errichtete. "Die ankert aber über Nacht fest an einem Ufer, und untertags fährt immer der Schiffsführer mit, das gibt Sicherheit", sagt Zibuschka. Mit dieser Fähre haben die Brückengegner nun auch ein weiteres Argument in der Hand: Wer hinüber will, kann ja mit der Fähre fahren, heißt es - wozu brauchen wir eine Brücke?

Interessant ist, dass es die Slowaken offenbar ähnlich sehen. Boris Simkovic, Bürgermeister von Záhorská Ves, schiebt das Nein der Bewohner aber vor allem auf "unsere unerfüllten Bedingungen". Denn im Brückenbauplan waren weder der Ausbau der Infrastruktur noch die Errichtung einer Polizeistation vorgesehen. "Werden diese Bedingungen erfüllt, sind wir grundsätzlich schon für eine Brücke", sagt Simkovic zur "Wiener Zeitung".

Von den insgesamt 14 Millionen Euro, die die Marchbrücke gekostet hätte, wären 4,2 Millionen auf die Slowaken entfallen. Tatsächlich hätten diese nur etwa 15 Prozent davon - also 630.000 Euro - stemmen müssen, weil die EU das grenzüberschreitende Projekt mit 85 Prozent gefördert hätte. Für die Adaptierung der Infrastruktur wäre jedes Land selbst zuständig gewesen. Eine Umfahrung von Angern und Záhorská Ves, die ebenfalls angedacht war, hätte 40 Millionen Euro gekostet.

Somit liegt das aktuelle Brückenprojekt - zur Zufriedenheit von Angerns Bürgermeister Robert Meißl (SPÖ) - also weiterhin auf Eis. Und somit stellen die Fähre, die bei Hochwasser und Eis nicht fahren kann, sowie eine ebenfalls nicht hochwassersichere Brücke bei Hohenau und eine Fahrradbrücke zwischen Schlosshof und Devínska Nová Ves weiterhin die einzigen Verbindungen entlang der March dar.

Eine hochwassersichere Brücke hätte laut Zibuschka Vorteile für beide Wirtschaftsstandorte gebracht sowie die Möglichkeit, gemeinsame Schulprojekte zu starten. Denn hier, bei den Jungen, müsse man ansetzen, damit der Eiserne Vorhang endlich auch in den Köpfen fällt.

Wahlergebnis

73,9 Prozent der rund 3000 Bewohner der Gemeinde Angern lehnten im Zuge einer Volksbefragung die Brücke ab. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent. In Záhorská Ves in der Slowakei stimmten 58,6 Prozent dagegen, hier wurde allerdings nur eine unverbindliche Umfrage durchgeführt. Etwa ein Viertel der rund 1800 Bewohner nahm daran teil.




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Dokument erstellt am 2014-09-23 17:59:10


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