• vom 09.02.2015, 17:26 Uhr

Chronik

Update: 09.02.2015, 18:55 Uhr

One Billion Rising

Eine Milliarde erhebt sich




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Von Petra Tempfer

  • Jede dritte Frau weltweit wird Opfer von Gewalt - in Summe ist das eine Milliarde.


© Corbis/Jamie Grill/Tetra Images © Corbis/Jamie Grill/Tetra Images

Wien. Es ist die wohl unsichtbarste und am häufigsten totgeschwiegene Form von Gewalt: jene innerhalb der Familie. Und dennoch ist Schätzungen zufolge jede dritte Frau weltweit davon betroffen. In Österreich ist es laut einer vom Familienministerium in Auftrag gegebenen Erhebung jede fünfte. Jährlich werden hier rund 30 Frauen von ihren Partnern oder Expartnern ermordet, oft trotz Wegweisungen - denn es ist Usus, Betroffene vorerst auf freiem Fuß anzuzeigen, anstatt die Untersuchungshaft zu verhängen. Dem gegenüber wird allerdings nur eine von zehn Vergewaltigungen angezeigt, wie eine Studie über Vergewaltigungen in Österreich ergeben hat. Lediglich 17 Prozent der angezeigten Täter werden demnach verurteilt.

Um auf dieses Ungleichgewicht aufmerksam zu machen, finden am Samstag, den 14. Februar, weltweit Tanzveranstaltungen und Aktionen statt. "One Billion Rising" ("Eine Milliarde erhebt sich") ist der Name der internationalen, 2012 gegründeten Kampagne, der sich auf die Zahl der Betroffenen bezieht: Jede dritte Frau weltweit ergibt in Summe eine Milliarde. In Wien wird am 14. Februar vor dem Parlament getanzt, aber auch in anderen Städten Österreichs sind Aktionen geplant. Das Datum könnte passender nicht sein: Am 14. Februar wurde Österreichs erste Frauenministerin Johanna Dohnal (SPÖ) geboren - als sie 71 Jahre später starb, hatte sie als Feministin, Frauenpolitikerin und Ikone der österreichischen Frauenbewegung Geschichte geschrieben.


"Nationaler Aktionsplan wird sukzessive umgesetzt"
Auf Dohnals Initiative hin wurden zum Beispiel das Recht zur Betretungsverweigerung bei Gewalt in der Ehe sowie das Verbot der sexuellen Belästigung gesetzlich festgeschrieben. Mittlerweile ist einiges passiert. Die jüngsten Maßnahmen basieren auf dem Nationalen Aktionsplan (NAP) zum Schutz von Frauen vor Gewalt, den die österreichische Bundesregierung für 2014 bis 2016 ausgearbeitet und beschlossen hat. "64 Maßnahmen werden nun sukzessive umgesetzt, um den Gewaltschutz in Österreich nachhaltig zu verbessern", sagte die heutige Frauen- und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) am Montag anlässlich der Veranstaltungsankündigung von "One Billion Rising".

Eine dieser Maßnahmen ist etwa, das Bewusstsein für Gewalt an Frauen und Mädchen im Zuge des Schulunterrichts zu schärfen. Laut NAP sollen Schulen mehr Projekte und Workshops in diese Richtung veranstalten. Auch bei gewissen Berufsgruppen (zum Beispiel juristische oder psychosoziale Prozessbegleiter sowie Gesundheits- und Krankenpfleger) soll das Thema vermehrt in die Aus- und Fortbildung einfließen.

Veränderungen im Strafrecht sind ebenfalls vorgesehen. So sollen sexuelle Belästigungen wie das "Po-Grapschen" künftig strafrechtlich geahndet werden. Gleichzeitig will die Bundesregierung die "opferschutzorientierte Täterarbeit", wie es im NAP heißt, finanziell unterstützen.

Traditionelle Hierarchien als Nährboden für Gewalt
Wer glaubt, dass der Großteil der männlichen Täter zu dieser "opferschutzorientierten Täterarbeit" von einer höheren Instanz gezwungen werden muss, irrt allerdings. Etwa ein Drittel all jener, die in der Wiener Männerberatung ein solches Programm durchlaufen, kommen laut dem freien Mitarbeiter und Psychologen Romeo Bissuti nicht, weil sie gerichtlich zugewiesen wurden. "Oft steht die Partnerin im Hintergrund", sagt Bissuti zur "Wiener Zeitung", "manche kommen aber auch von sich aus." Seiner Ansicht nach müsse die Täterarbeit im Falle einer Wegweisung verpflichtend eingeführt werden.

Den Nährboden für Gewalt biete das traditionelle hierarchische Geschlechterverständnis. "Die männlichen Leitbilder zeigen ein typisches dominantes Verhalten. Im Film und Fernsehen werden sie gewaltbereit dargestellt", so Bissuti, der auch Obmann der "White Ribbon"-Kampagne ist: eine Kampagne von Männern für Männer, um Teil der Lösung für ein gewaltfreies Leben zu werden.

Nicht immer sind jedoch die Männer die Täter. Der eingangs erwähnten Erhebung im Auftrag des Familienministeriums zufolge sind diese genauso häufig Gewaltopfer wie Frauen, allerdings seltener zuhause als im öffentlichen Raum. Hier werden sie meist Opfer anderer Männer. "Von sexueller Gewalt sind vor allem junge Männer und Kinder betroffen", ergänzt Bissuti. "Institutionen, Heime und Sportvereine bieten da ein weites Feld."




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Dokument erstellt am 2015-02-09 17:29:05
Letzte nderung am 2015-02-09 18:55:40



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