• vom 20.06.2015, 13:53 Uhr

Chronik

Update: 20.06.2015, 17:08 Uhr

Steiermark

Graz steht unter Schock




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Von WZ Online, APA

  • Amokfahrer tötete mindestens drei Menschen.
  • Von den 34 Verletzten ringen einige mit dem Tod.
  • Kein terroristischer Hintergrund - Täter war offenbar psychotisch.

Graz. Nach der tödlichen Amokfahrt eines Mannes mit Geländewagen in der Grazer Innenstadt steht die steirische Landeshauptstadt unter Schock. Der 26-Jährige ist mit 100 km/h durch die Innenstadt gerast und hat dabei mindestens drei Menschen getötet und dutzende verletzt. Von den 34 Verletzten ringen einige mit dem Tod. Es gebe keine Entschuldigung für diese Tat, so Landeshauptmann Hermann Schützehöfer, der bei der Pressekonferz den Tränen nahe war.
Der Täter ist laut Polizei in der Schmiedgasse im Bereich der Polizeiinspektion gestoppt und festgenommen worden. Unter den drei Toten sollen eine Frau und ein Kind sein. Der Mann, der an psychischen Problemen leiden soll, ließ sich laut Landespolizeidirektor Josef Klamminger widerstandslos festnehmen.
Große Betroffenheit in der Bevölkerung
Viele Menschen in der Grazer Innenstadt, die sich nach dem Regenguss gegen 14 Uhr wieder frequentiert wurde, gingen zu Polizeiabsperrungen, um einen Blick auf die Szenerie erhaschen, waren selbst den Tränen nahe - wie viele Angehörige von Einsatzkräften auch. In der Innenstadt stand indes der Verkehr still, die Polizei hatte großräumig abgesperrt. Für die unterbrochenen Tramlinien wurden Ersatzautobusse bereitgestellt.
Eine Graz-Linien-Mitarbeiterin wurde gegenüber einem Mann, der sich in unguter Manier über die unterbrochenen Linien beschwerte, berechtigterweise ziemlich heftig: "Haben Sie kein Herz? Wissen Sie nicht, was passiert ist?" An den Absperrungen der Polizei vor der Herrengasse wurden inzwischen schon Kerzen und Blumen niedergehört.
"Kein Zusammenhang mit Terrorismus"
Laut Polizei besteht "kein Zusammenhang mit Fanatismen", also kein terroristischer Hintergrund. "Es handelt sich um eine Psychose mit Ausgang im Familienleben", sagte der steirische Landessicherheitsdirektor Josef Klamminger. Der Mann habe offenbar "nach einer Wegweisung durchgedreht", aber auch das müsse erst gesichert werden.
"Wir sind alle gefordert, das Miteinander zu suchen und Gräben nicht aufzubauen, sagte Schützenhöfer. Sein Stellvertreter Michael Schickhofer (SPÖ) sagte: "Es tut unendlich weh, für mich als Familienvater nicht zu fassen, was hier passiert ist. Es wurde alles getan, um die Verletzten sofort zu versorgen." Die Versorgungskette habe funktioniert, 50 Rettungswägen, 16 Notärzte, Ärzte, die als Passanten unterwegs waren, halfen sofort. Die Kriseninterventionsteams waren im Einsatz.

Hotline für Angehörige und Betroffene: 14844 
Unter der Nummer 14844 wurde laut Rettungskommandant Peter Hansak eine Hotline für Angehörige und Betroffene eingerichtet. "Wir haben alles aus der Region mobilisiert", so ein Sprecher des Roten Kreuzes Steiermark. Erschwerend sei hinzugekommen, dass man eine Hundertschaft an Kräften beim Formel 1-Grand Prix im obersteirischen Spielberg war. Man habe alle Ressourcen aus Eskalationsstufe mobilisiert, auch Rotkreuzwagen, die aus anderen Bezirken gerade in Graz waren. Es sei ein richtiggehender "Massenanfall" an Patienten gewesen, die binnen kurzer Zeit versorgt werden mussten.
 "Die Menschen lagen leblos am Boden", berichtete eine Zeugin, die die Amokfahrt miterlebt hat. Mit rund 100 km/h soll der Fahrer des dunkelgrünen Vans durch die Herrengasse gerast sein. "Auf der Höhe Murgasse geriet der Wagen aufgrund der Geschwindigkeit ins Schleudern, setzte seine Fahrt dann aber fort", so die Augenzeugin.
"Geräusche wie bei einer Schießerei"
Die Zeugin wollte zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade mit einer weiteren Person ein Geschäft aufsuchen, als sie "Geräusche wie bei einer Schießerei" wahrnahm, die vermutlich von den zahlreichen Sesseln der anliegenden Kaffeehäuser stammten, die von dem Fahrzeug ebenfalls erfasst wurden. Die zweite Zeugin schilderte, dass sie sich wegen des Lärms umdrehte und dann den Wagen kommen sah. Mit weniger als zwei Metern Entfernung raste dann das Fahrzeug an ihnen vorbei.
Zahlreiche Passanten befanden sich zum Zeitpunkt der Fahrt, die sich gegen 12.30 Uhr ereignete, in der Innenstadt. "Die Leute schrien in Panik und rannten in die umliegenden Geschäfte, um sich in Sicherheit zu bringen", schilderte die Zeugin. Als man sich wieder in Sicherheit wog und zurück auf die Straße ging, erblickte man an die fünf Personen die leblos am Boden lagen: "Ein Mann lag mitten auf dem Hauptplatz", sagte die Augenzeugin. Von den Messerattacken auf Passanten, die der Lenker nach seiner Tat versucht haben soll, sahen die beiden nichts.
Rund 15 Minuten nach dem Ende der Amokfahrt, waren die ersten Rettungswägen an Ort und Stelle. Der Hauptplatz wurde großräumig abgesperrt. Nach rund einer Stunde befanden sich dann mindestens 16 Einsatzfahrzeuge der Rettung am Ort der Katastrophe, berichtete die Zeugin.
Schützenhöfer und Schickhofer haben angesichts der dramatischen Szenen ihren Besuch bei einer Feuerwehrveranstaltung abgebrochen und sind an den Tatort in Graz gereist. Ein Krisenstab wurde eingerichtet.
Schützenhöfer verurteilte die "abscheuliche Tat", für derartiges gebe es "weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung". Seine Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer und bei den Verletzten, so der Landeshauptmann. Schickhofer hat am Samstag via Aussendung seiner Betroffenheit angesichts der Amokfahrt in der Grazer Innenstadt Ausdruck verliehen. Bischof Wilhelm Krautwaschl appellierte: "Stehen wir auch in diesen schweren Stunden zusammen."
Schickhofer teilte mit, dass in der Landeswarnzentrale die Einsatzaktivitäten koordiniert werden. "Jetzt stehen die Betroffenen, die sofortige Versorgung und die Sicherheit im Mittelpunkt." Der Täter sei gefasst, die Hintergründe seien von der Polizei zu ermitteln, "die im Bedarfsfall auch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen hat".
Krautwaschl meinte, man könne keine Worte finden für das, was in der Innenstadt von Graz passiert ist. "Unsere Gedanken und Gebete gelten jenen, die von diesem Anschlag betroffen sind und jenen, die helfend vor Ort sind."




Schlagwörter

Steiermark, Amokfahrt, Graz

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Dokument erstellt am 2015-06-20 13:54:44
Letzte Änderung am 2015-06-20 17:08:13


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