• vom 20.08.2015, 16:31 Uhr

Chronik

Update: 20.08.2015, 21:01 Uhr

Klimawandel

Vom Gletscher in den warmen Bergsee




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Von Petra Tempfer

  • Ökologen und Touristiker beschäftigen sich mit dem Klimawandel.



Wien. Wärmer als für 2050 prognostiziert: Österreichs Badeseen haben derzeit so hohe Temperaturen, dass sie selbst langfristige, durch die Klimaerwärmung bedingte Prognosen sprengen. Unser tiefster See zum Beispiel, der Traunsee, ist aktuell zwischen 21 und 24 Grad Celsius warm - die durchschnittliche Wassertemperatur im August liegt für gewöhnlich bei 19 bis 20 Grad. Sogar im Hallstätter See, in den man sonst bei höchstens 16 Grad gerade einmal die Zehen eintaucht, misst man derzeit ähnlich hohe Temperaturen. Erleben wir gerade einen Vorgeschmack auf die Zukunft? Vermutlich, denn eine von den Österreichischen Bundesforste (ÖBf) in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass unsere Seen bis 2050 in der Saison Juni bis September um durchschnittlich zwei Grad wärmer werden. Für Badegäste ein essenzieller Sprung: In 18 Grad kaltes Wasser wagen sich nur Hartgesottene, bei 20 Grad sind es schon mehr.

Dass der heurige Sommer die Zahlen der Prognose noch einmal in die Höhe treiben könnte, glaubt Studienautor Martin Dokulil zwar nicht, weil es immer wieder "Ausreißersommer" gebe, wie er zur "Wiener Zeitung" sagt. Im heurigen Juli etwa gab es mit 13 "Wüstentagen" mit Temperaturen über 35 Grad die meisten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Werden die nächsten Sommer allerdings ähnlich heiß, müsse man die Zahlen schon neu bewerten, sagt Dokulil.


Künftig mehr Badegäste
Dokulils Berechnungen basieren auf den über Jahrzehnte hinweg aufgezeichneten Messwerten des Hydrographischen Dienstes, wonach die Wassertemperatur seit 1965 aufgrund des Klimawandels ansteigt. Diesen Trend setzte der Limnologe rechnerisch bis 2050 fort. Zugleich verknüpfte er die Luft- mit der Wassertemperatur: Die von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik für 2050 prophezeite Erhöhung der Lufttemperatur im Alpenraum um drei Grad geht laut Dokulil ebenfalls mit wärmeren Seen einher.

Die Tourismusbranche erlebt jedenfalls schon heuer einen lukrativen Sommer - mit zahlreichen zahlenden Badegästen. Rund um den Attersee in Oberösterreich zum Beispiel waren alle Gästebetten belegt, die Hoteliers verzeichneten um zwölf Prozent mehr Nächtigungen als im Juli 2014. Am Mondsee betrug das Nächtigungsplus sogar 14 Prozent, heißt es vom Tourismusverband. Für konkrete Zahlen und Statistiken sei es zwar noch zu früh, Ulrike Rauch-Keschmann von der "Österreich Werbung" setzt aber schon jetzt auf mehr Badegäste.

"Die Bergseen haben ohnehin den Ruf, kälter zu sein, als sie sind", sagt sie. Eine messbare Erwärmung, die man propagiert, könnte dieses Image verändern. Um sich auch werbetechnisch darauf vorzubereiten, habe man bereits einen Runden Tisch mit den neun Landestourismus-Organisationen einberufen. Kärnten als Bundesland mit dem mildesten Klima wirbt ja schon jetzt mit "Natur-Aktiv-Urlauben an warmen Badeseen".

Die Vorzüge des alpinen Bereichs laut Rauch-Keschmann: In Regionen wie beim Kitzsteinhorn in Salzburg könne man am Vormittag mit der Seilbahn auf den Gletscher fahren, am Nachmittag auf dem tiefer gelegenen Bergsee Bootfahren - und künftig auch baden. Eine wesentliche Erweiterung, zählen doch Baden und Schwimmen zu den Top-10-Aktivitäten der Touristen in Österreich.

Minus im Wintertourismus
Die Vorfreude der Tourismusbranche hat laut Verena Hackl von der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank GmbH allerdings einen Haken: Steigen die Temperaturen, bleibt der Schnee aus. Dem Plus im Sommertourismus könnte also in den alpinen Regionen ein Minus im Winter gegenüberstehen. Etwa drei Viertel der Nächtigungen im österreichischen Wintertourismus seien schneeabhängig, schreibt Hackl im Tourismusbank-Blog. Der Klimawandel bringe somit nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen mit sich. In jedem Fall aber werde der nationale und internationale Tourismus aufgrund des Klimawandels mit geänderten Rahmenbedingungen konfrontiert sein.

Um vieles direkter als Touristen und Hoteliers sind allerdings ganz andere betroffen: die Bewohner der Seen selbst, die Fische, Mikroorganismen, Algen und Pflanzen. "Wenn ein See ein paar Grad wärmer wird, sind für das gesamte Ökosystem große Veränderungen möglich", sagt Martin Kainz, der eine Arbeitsgruppe des Wasserclusters Lunz am See in Niederösterreich leitet: eine Einrichtung der Uni Wien, der Boku und der Donau-Uni Krems. Diese hat ebenfalls festgestellt, dass die mittlere Wassertemperatur des Lunzer Sees steigt. "Von 1950 bis 1980 hatte der See an nur 14 Tage pro Jahr mehr als 17 Grad. Seit 1998 sind es schon 64 Tage", sagt Kainz.

Es gehe allerdings weniger um Durchschnittswerte, sondern um extreme Ereignisse, die einen See für immer verändern könnten. "Wenn heimische Fischarten wie Seeforellen, Seesaiblinge oder Äschen (Lachsartige, Anm.) mit Wassertemperaturen von mehr als 17 Grad konfrontiert sind, sind das Temperaturen, in denen sie nicht leben können", sagt Kainz, "weil sie kühleres Wasser brauchen, um sich fortzupflanzen." Eine Erwärmung des Wassers übe in jedem Fall Stress auf sie aus. Sie fressen weniger und werden schneller krank.

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Dokument erstellt am 2015-08-20 16:35:09
Letzte Änderung am 2015-08-20 21:01:49


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