• vom 10.03.2016, 17:34 Uhr

Chronik

Update: 10.03.2016, 18:32 Uhr

Erdöl

"Blut durch Öl, Friede durch Sonne"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (20)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Tempfer

  • Erneuerbare Energien könnten helfen, die Zahl der Kriege und der Flüchtlingsströme zu reduzieren.

Brennende Ölfelder zu Beginn des ersten Golfkrieges zwischen dem Iran und Irak, aufgenommen am 1. September 1980. Die Iraker setzten sie als Waffe ein. - © WZ-Montage/Corbis/Henri Bureau/Sygma

Brennende Ölfelder zu Beginn des ersten Golfkrieges zwischen dem Iran und Irak, aufgenommen am 1. September 1980. Die Iraker setzten sie als Waffe ein. © WZ-Montage/Corbis/Henri Bureau/Sygma

Wien. Öl und Gas sind die Hauptakteure in zahlreichen Kriegen. Die USA gegen Russland, Saudi-Arabien gegen die USA. In den zwei Golfkriegen (1980 bis 1988 und Anfang der 90er Jahre) ging es um Öl, und auch in Syrien gibt es große Mengen davon. Die meisten Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts wurden und werden wegen Energie und Ressourcen geführt oder durch deren Vorhandensein entschieden. Es geht um die Vormacht am Energiemarkt.

Zu Gewinn und Reichtum auf der einen Seite gehören Armut und Flüchtlinge auf der anderen dazu. Der Klimawandel erhöht deren Zahl - Öl, Kohle und Erdgas hängen auch damit zusammen. Die Internationale Organisation für Migration spricht von 200 Millionen Klimaflüchtlingen. Was liegt da näher als die Frage, ob eine Komplettumstellung des Energiesystems auf erneuerbare Energien Kriegen den Nährboden entziehen und Flüchtlingsströme verhindern könnte?


"Hauptfinanzquelle des IS"
Die Windenergieerzeuger gingen bei ihrem Jahressymposium Awes, das am Mittwoch und Donnerstag in Wien stattfand und von der "Wiener Zeitung" mitmoderiert wurde, dieser Frage nach. Mit dem Bau von Mauern beantworte man Flüchtlingsfragen nicht, sagte Hans-Josef Fell, der Mitglied des Deutschen Bundestages war und Präsident der Energy Watch Group ist. Sinnvoller wäre es, so Fell, die Ursachen der Flucht zu diskutieren. Der Arabische Frühling zum Beispiel, eine 2010 begonnene Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in der Arabischen Welt, sei durch weltweite Dürrekatastrophen angeheizt gewesen, die die Weizenernte vernichteten und die Preise dafür nach oben trieben. Gleichzeitig stieg der Ölpreis.

"Erdöl ist die Hauptfinanzquelle von IS, Al-Kaida, Boko Haram, von Syriens Präsident Assad oder den sich bekriegenden sudanesischen Machthabern", so Fell. Mit Sonnenstrahlen könne der Islamische Staat (IS) keine Waffen kaufen. "Blut durch Öl, Friede durch Sonne", ergänzte Hans Kronberger vom Bundesverband Photovoltaic Austria. Es brauche eine Umstellung des Energiesystems.

Dass erneuerbare Energien zu Konfliktlösungen beitragen können, glaubt auch Flüchtlingsexperte Kilian Kleinschmidt, der Berater des österreichischen Innenministeriums ist. Die betroffenen Länder könnten sich aber nicht allein aus der Situation befreien. Insellösungen und Ministaaten wären seiner Meinung nach eine Möglichkeit, dass Syrer in einer besseren, anderen Form zu Frieden finden. Eine dezentralisierte Energie etwa in Form von Kleinkraftwerken, von Ökoenergien betrieben, könne Syrien in ein "modernes, grünes" Land verwandeln. Das Know-how müsse von erfahrenen Ländern kommen.

Das weitaus größere Problem sei aber nicht die Bereitschaft, so Kleinschmidt, sondern die Finanzierung. Ein Beduinenstamm in Nord-Jordanien etwa habe sich dem IS angeschlossen, obwohl er über Biomasse und erneuerbare Energien Bescheid wusste - das Geld dazu aber fehlte. Die Idee sei nun, mit Fondsgeldern größere Teile der Wüste zu bepflanzen und Entsalzungsanlagen für die Bewässerung zu bauen.

Letztendlich bleibt es aber dennoch fraglich, ob man gewinnbringende Rohstoffe wie Kohle und Öl in der Erde belassen und auf diese Energieform einfach verzichten wird. Die Zeit, bis sich der Markt selber regelt, bleibt wohl nicht. Ohne den Willen der Politik wird sich wenig bewegen. Aber: "Die Steinzeit ist ja auch nicht zu Ende gegangen, weil keine Steine mehr da waren. Sondern weil etwas Besseres gekommen ist", sagt dazu Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft Österreich. Allein 2014 seien durch die Nutzung der Windkraft mehr als 608 Millionen Tonnen CO2 weltweit eingespart worden. Bis 2030 werde in Europa die Hälfte des Stromverbrauchs durch Windräder gedeckt werden.

Kampf um die Technologien
Schreitet diese Entwicklung weiter voran - darf man dann tatsächlich auf eine Zukunft ohne Kriege hoffen? Nicht ganz, so Moidl. Wind und Sonne seien zwar im Unterschied zu Erdöl flächig auf der Erde verteilt, weshalb die Kriege dann nicht um die Ressourcen selbst stattfinden würden - aber um die Technologien zur Nutzung der erneuerbaren Energien. Schon jetzt floriere die Wirtschaftsspionage, bei der es um Millionenbeträge gehe. Der Kampf verlagert sich also nur.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-03-10 17:38:04
Letzte Änderung am 2016-03-10 18:32:04


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Jedes Schrifterl a Gifterl"
  2. Gesetzliche Verankerung der Täterarbeit gefordert
  3. FPÖ-Freund im US-Kongress entmachtet
  4. Ärger über "Umfärbung" im Sozialministerium
  5. Täter ist geständig
Meistkommentiert
  1. Kurz hält an Wien-Kritik fest
  2. "Konservativ" in der Krise
  3. "Indexierung der Familienbeihilfe ist klar vertretbar"
  4. Wien will Entwurf nicht umsetzen
  5. Rote Landeschefs widersprechen Rendi-Wagner

Werbung




Werbung