• vom 25.10.2017, 10:19 Uhr

Chronik

Update: 01.02.2018, 12:11 Uhr

Weltkulturerbe

Mitten in den Steppensee




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Von Sabine Ertl

  • Die ICOMOS-Expertin Ulrike Herbig über großangelegte Bauvorhaben in Welterbegebieten und die Folgen für die Bürger.

Ulrike Herbig, Jahrgang 1968, ist an der TU Wien zuständig für Koordination und Unterstützung von Forschungsprojekten an der Fakultät für Architektur und Raumplanung. Sie ist Mitglied des Nationalkomitees von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) und die Monitoringverantwortliche für das Welterbe Neusiedler See/Fertö.

Ulrike Herbig, Jahrgang 1968, ist an der TU Wien zuständig für Koordination und Unterstützung von Forschungsprojekten an der Fakultät für Architektur und Raumplanung. Sie ist Mitglied des Nationalkomitees von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) und die Monitoringverantwortliche für das Welterbe Neusiedler See/Fertö.© Victoria Herbig Ulrike Herbig, Jahrgang 1968, ist an der TU Wien zuständig für Koordination und Unterstützung von Forschungsprojekten an der Fakultät für Architektur und Raumplanung. Sie ist Mitglied des Nationalkomitees von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) und die Monitoringverantwortliche für das Welterbe Neusiedler See/Fertö.© Victoria Herbig

Wien. Die Seestraße der Stadtgemeinde Neusiedl am See, alleeartig flankiert von dichtem Schilf, Sträuchen und Bäumen, führt pfeilgerade zum Zugang auf den Steppensee, oft "Meer der Wiener" genannt. Links davon steht ein riesiges, stillgelegtes Hotelrestaurant, am Horizont die "Mole West", wo man sich zu einem Sundowner trifft. Rechts davon erstreckt sich brachliegendes Bauland: Hier sollen im Frühjahr 2018 Luxus-Immobilien entstehen. Was diese Entwicklung für die Region und das UNESCO-Welterbe-Region Neusiedler See (ungar. Fertö) bedeutet, hat die "Wiener Zeitung" von der Welterbe-Expertin Ulrike Herbig erfahren.

"Wiener Zeitung": In Neusiedl wird am See gebaut. Schon im nächsten Jahr wird es dort 23 "wunderschöne" Häuser samt Vier-Sterne-Hotel geben.

"Ulrike Herbig": Ja, es wird leider so sein.

In der Bevölkerung gehen die Wogen hoch. Man befürchtet, dass der Seezugang eingeschränkt genutzt werden kann. Teilen Sie diese Sorgen?

Absolut. Man kann durchaus befürchten, dass eine "Gated Community" entsteht, eine für sich abgeschlossene Gesellschaft, die der See ja nicht sein soll. Denn der gehört der Allgemeinbevölkerung.

Man nimmt also der Bevölkerung Allgemeingut weg und verwandelt es in eine exklusive Spielwiese für einige Wenige. Es handelt sich immerhin um ein 30 Millionen Euro schweres Bauprojekt.

Natürlich geht es um viel Geld, aber nur jetzt! Der schnelle Gewinn ist nur kurzfristig etwas wert. Der Neusiedler See hat aufgrund seiner grenzüberschreitenden Kulturlandschaft mit Ungarn UNESCO-Welterbe-Status. Dieser ist einzigartig, ein Outstanding Universal Value, der sich keineswegs nur in Zahlen erfassen lässt. Wir kennen die langfristigen Folgen einer Verbauung nicht. Fest steht, dass es mit dem harmonischen Zwischenspiel von Landschaft und See vorbei sein wird. Wünschenswert ist ein homöopathischer Rahmen, sprich ein verkleinertes Projekt, damit die pannonische Landschaft nicht ganz zerstört wird. Abzulehnen ist dieses riesige Hotel in Neusiedl.

Mit dem Seehotel soll eine neue Flaniermeile entstehen, um genau dieses Eck am See zu beleben.

Ich frage mich wozu. Warum muss man dort so eine riesige Kiste hinstellen, die genauso gut irgendwo auf der Welt stehen könnte? Das macht das ganze uninteressant, weil es beliebig und austauschbar wird.

Die Bauherren sehen dies anders. Sie werben mit dem Slogan: "Das Seehotel ‚Am Hafen‘ wird behutsam in die Naturschutzzone eingebunden. (…) Direkt am Wasser mitten im UNESCO-Welterbe".

Das ist ein Missverständnis. Auch in den Medien. Man glaubt immer, dass das UNESCO-Siegel ein Schutz ist. Es ist aber ein Label. Dementsprechend verpflichtet sich das Land, es so zu schützen, dass es auch so bleibt. Das schlimmste das passieren kann ist, von der Liste gestrichen zu werden. Es gibt wenige, die das geschafft haben wie etwa die Aberkennung des Elbtals in Dresden oder des Wiederauswilderungsgebietes der Arabischen Oryx im Oman.

Es gibt also Richtlinien, nach denen man sich orientieren sollte.

Hier liegt das eigentliche Problem. Es ist nicht gesetzlich verankert, dass man 5 Meter Abstand vom See halten muss und sich die Fassadenlänge nicht über 50 Meter erstrecken darf. Besonders kritisch sehe ich, dass die Uferkante geändert wird. Es wird direkt in den See gebaut. Eine Richtlinie ist eben nur eine Richtlinie. Wir brauchen eine gesetzliche Verankerung.

Was bedeutet ein Bau an der Wasserkante für Flora und Fauna?

Die Schilfproblematik ist sicher ein Thema. Man weiß ja gar nicht, wie sich das Bauvorhaben auf das Gleichgewicht des Sees auswirkt, was es mit dem Schilfgürtel macht. Gerne vergessen wird, dass der Steppensee sowieso ein sehr sensibles ökologisches Gleichgewicht hat. Man sieht das sehr gut, wenn jemand eine Aquariumspflanze in den See wirft, dann wachsen wie wild irgendwelche Pflanzen, die dort gar nicht endemisch sind. Es gibt keine Studien über die tatsächlichen Auswirkungen.

Was machen Sie als Monitoringverantwortliche des Neusiedler Sees?

Versuchen, rechtzeitig von Bauvorhaben zu erfahren und dann schlussendlich, falls gegen die Richtlinien verstoßen wurde, dieses an die UNESCO in Paris weiterzuleiten.

Sie äußern also Bedenken?

Ja. Aber ich kann nur auf wissenschaftlicher, gestalterischer Basis versuchen, ein Umdenken einzuleiten. Die Leute an den Tisch bringen, damit man miteinander redet. Projekte verkleinert und wie eben in Neusiedl versuchen sollte, die pannonische Landschaft nicht zu zerstören.

In Neusiedl diskutiert man schon seit 2009, darüber was auf diesem Areal passieren könnte.

Viele Investoren sind anfänglich abgesprungen. Und jetzt ging das Projekt "Am Hafen" recht schnell über die Bühne, schneller als so mancher Einwohner das mitbekommen hat.

Nachher kann man immer sagen: "Jetzt ist alles z’spät".

In diesem Fall, leider ja. Der ICOMOS arbeitet beratend. Für das Burgenland haben wir keine personellen Ressourcen. Es müsste jemand sein, der dieses Ehrenamt in der Freizeit macht. Sich in der Gemeinde auskennen, gut vernetzt sein, einen Draht zum Bürgermeister und Gemeinderat hat. Damit sich Gerüchte früher als zu spät herumsprechen.

Was halten Sie von der Mobilisierung von Bürgern? Eine Bürgerinitiative, die rund 2000 Unterschriften zum Projekt "Am Hafen" gesammelt hat, konnte nichts bewirken.

Ich meine, dass der Bürger sehr viel zu sagen hat. Es muss auch gerade jetzt die Aktivität der Bevölkerung am Laufen gehalten werden. Gleichzeitig muss ihr Aufschrei laut sein. Und es muss eine kritische Masse erreicht werden. Dafür ist es notwendig, dass der Kommunikationsfluss funktioniert. Und man sich zusammentut und gemeinsam eine für alle zufriedenstellende, vertretbare Lösung erarbeitet. Eines steht für mich aber fest: Die Natur und der Mensch darf nicht weiter zurückgedrängt werden. Denn das gefährdet das ökologische Gleichgewicht wie im Fall Neusiedl und nimmt den Menschen ihre natürliche Identität und Bezug zu ihrem Lebensraum weg.

Der Wörther See ist zugebaut. Wien steht auf der Roten Liste der UNESCO. Wie sieht es anderswo aus?

Ich arbeite viel am Balkan. Dort sind sich die Leute ihres Kulturerbes viel bewusster, weil durch den Krieg so viel verloren gegangen ist. Die Brücke von Mostar und Dubrovnik. Genau diese Identifikationsmerkmale für die Bevölkerung hat man angegriffen. Diese werden erst kritisch hinterfragt, wenn sie dabei sind, verloren zu gehen.

Wenn man zum Beispiel nicht mehr zum See kommt.

Genau. Dann wird man sich sagen: "Ja, das gibt’s ja net. Früher sind wir da gesessen und haben versucht, Aale zu fangen". Oder entlang der Parndorfer-Platte fährt und den Sonnenuntergang nicht mehr genießen kann, weil die unzähligen Windräder den Blick darauf verstellen. Sie sind unwiederbringlich landschaftsverändernd geworden. Leider gibt es bereits Gerüchte, dass noch mehr Windparkanlagen kommen sollen.

Was schlagen Sie vor?

Zunächst eine Sensibilisierung der Bevölkerung und die Erstellung einer für alle ersichtlichen Karte, damit jeder jederzeit Einblick haben kann, was sich wo tut und wann. Den ICOMOS oder die UNESCO unter einen Glassturz zu stellen und zu sagen, dass sie ohnehin immer fortschrittsverweigernd gegen Zukunftsprojekte sind, ist schlichtweg falsch. Globalisierung ist einfach passé: Man kann sehr gut Altes renovieren, aber man sollte sich tunlichst vor solchen Bauprojekten hüten, die schlussendlich nicht mehr bieten, als seelenlose Gebäude in einer toten Landschaft ohne Menschen zu sein.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-25 10:24:42
Letzte Änderung am 2018-02-01 12:11:12


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