• vom 27.05.2018, 11:00 Uhr

Chronik


Geschichte

"Glück und Zufälle" als Lebensretter




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  • Marko Feingold ist älter als die Republik. Unter den Nazis hat er vier Konzentrationslager überlebt. Österreichs ältester Holocaust-Überlebender wird am Montag 105 Jahre alt.


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Salzburg. (maz) Wenn Marko Feingold über die Zeit im KZ Buchenwald spricht, spart er auch nicht mit grauslichen Details: "Mir hingen hinten die Gedärme raus. Wenn ich mich setzen wollte, musste ich sie erst wieder hineinschieben", erzählte er einmal in einem Interview. Und weiter: "Ich bekomme Hautausschläge, dann brechen Beulen auf, ich krieg’ Wunden am Oberschenkel und in der Kniekehle. Eiter und Blut rinnen heraus."

Umso beeindruckender ist es, dass Österreichs ältester Holocaust-Überlebender, der es als Jude auch nach dem Ende des Nazi-Regimes in Österreich schwer hatte, bis heute seinen schelmischen Humor behalten hat. Aber vielleicht lassen sich damit auch die Erinnerungen ans dunkelste Kapitel seines Lebens und seiner Heimat leichter ertragen. So oder so ist es Feingold, der am Montag seinen 105. Geburtstag feiert (damit sind nur 60 Österreicher älter als er), ein Anliegen, den nachfolgenden Generationen davon zu erzählen. Bis heute ist er ein gefragter Zeitzeuge, der auch vor Schulklassen auftritt und sein Leben Revue passieren lässt.


Mussolini im Fischerboot
Ein Leben, das am 28. Mai 1913 im Königreich Ungarn begonnen hat. Dort wurde Feingold nämlich geboren, genauer gesagt in Besztercebánya (Neusohl) in der heutigen Slowakei. Aufgewachsen ist er allerdings mit seinen drei Geschwistern in Wien, auf der "Mazzesinsel" im 2. Bezirk. Im Rückblick meinte er einmal im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", er sei "das, was man ein Praterkind nennt, ich habe unglaublich viel Zeit dort verbracht und Tricks gelernt, die mir später nützlich waren". Er habe auch die letzten beiden Schuljahre ständig geschwänzt und den Abschluss nur mit Mühe geschafft.

Nach einer Lehre als kaufmännischer Angestellter fand er Arbeit in Wien, die er aber 1932 verlor. Fünf Tage pro Woche habe er damals gehungert, erzählte er später. "Und unter den Brücken herrschte Gedränge, weil es nicht genug Platz zum Schlafen gab. Es war katastrophal."

Vor dem Ständestaat flüchtete er gemeinsam mit seinem Bruder Ernst nach Italien, wo er "mit dem Verkauf von Bohnerwachs ein Vermögen machte" - und er traf im Urlaubsort Riccione Benito Mussolini. Der war nämlich gerade fischen, als auch Marko und Ernst Feingold mit zwei Damen aufs Meer hinausruderten, und rief ihnen auf Deutsch zu: "Bitte geben Sie Acht, ich habe die Leine ausgelegt."

Es sind Details wie diese, die Feingolds Zuhörer auch im Jahr 2018 faszinieren, wenn Feingold von seinen jungen Jahren erzählt. Im Februar 1938 wurden die beiden Brüder bei einem kurzen Wien-Aufenthalt verhaftet und von der Gestapo gefoltert. Dabei ging es vor allem um ihren Vater, der sich bereits während des Ständestaat-Regimes gegen illegale Nazis engagiert hatte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 16:19:00
Letzte Änderung am 2018-05-25 16:38:22


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